Wahlheimat Wählvermittlungsstelle

Ein Gebäude mit Geschichte, ein überschaubares Budget und die idyllische Kulisse der Allgäuer Alpen: Mit dem Umbau einer alten Wählvermittlungsstelle in Bad Hindelang zum Wohnhaus haben die Architekten von Kofink Schels nicht nur ein extrem ökologisches Gebäude geschaffen, sondern auch eine Brücke zur lokalen Architekturtradition geschlagen.  

 

 

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Hochherrschaftlich steht das denkmalgeschützte Postgebäude in Bad Hindelang vor der malerischen Alpenkulisse – 1923 errichtet vom Architekten Thomas Wechs, um den vielen Sommerfrischlern und Winterurlaubern in dem Allgäuer Luftkurort eine angemessene Anlaufstelle für den Gruß in die Heimat zu bieten. Deutlich bescheidener ergänzte man die Anlage dann in den 1950er Jahren um eine sogenannte Wählvermittlungsstelle. In ihr wurden die Anrufe der Bad Hindelanger automatisch an das nächste Verteilzentrum oder die gewählte Nummer im Ort weitergeleitet.

Als der Architekt Simon Jüttner den unscheinbaren, einstöckigen Putzbau im Ortszentrum von Bad Hindelang entdeckte, stand er bereits 40 Jahre lang leer. „Es war so etwas wie der Schandfleck des Ortes“, meint Jüttner, der zusammen mit Sebastian Kofink das Architekturbüro Kofink Schels in München betreibt. Die Freude, dass sich nun ein Architekt der alten Wählvermittlungsstelle annimmt, hielt sich im Ort allerdings erstmal in Grenzen. Nach einem langen Genehmigungsverfahren erhielt Jüttner jedoch schließlich die Erlaubnis, das Gebäude für sich und seine Familie umzubauen und um ein zusätzliches Geschoss mit Satteldach aufzustocken.

 

 

Minimale Kosten, maximale Umweltverträglichkeit

Jüttners Ansatz bestand darin, mit möglichst wenig Geld ein maximal ökologisches Gebäude zu erhalten und zudem soviel wie möglich selbst zu machen. „Die Aufstockung mit Wänden aus Massivholz haben wir an eine nahe Zimmerei vergeben, ansonsten haben wir eigentlich alles selbst gemacht,“ erzählt der Architekt. Der Do-it-yourself-Anspruch in Verbindung mit dem Wunsch nach hochwertigen Materialien führte dabei zu radikal reduzierten Details.

Am eindrücklichsten zeigt sich dies bei den Fenstern im Obergeschoss, die als raumhohe Schiebeelemente einfach vor der Holzverblendung des Giebels sitzen und an eine über den Stürzen verlaufenden Metallschiene angehängt sind. „Besonders schön ist es im Sommer, wenn man die Fenster einfach auf die Seite schieben kann und das gesamte Obergeschoss zum überdachten Außenraum wird“, so Simon Jüttner. Als Absturzsicherung dient ein einfaches Geländer aus Holzstäben, das durch die Fenster scheint und die Fassade zusätzlich gliedert.

Von außen ist das Gebäude damit gar nicht mehr so weit entfernt von der lokalen Bautradition. „Wir haben uns im Entwurf bewusst völlig frei gemacht und sind letztlich trotzdem ohne es zu wollen beim Allgäuer Bauernhaus gelandet,“ stellt Simon Jüttner im Rückblick fest. Mit der langen Küche direkt im Eingang, dem anschließenden großen Wohnraum und einer kleinen Kammer daneben entspricht das Haus nahezu gänzlich der dreiteiligen Typologie des historischen Allgäuer Flurküchenhauses.

 

 

Lehm und Jute im Innern

Und auch die Materialwahl im Inneren ist plötzlich ganz Bauernhaus, wenn man mit dem Anspruch einer radikal ökologischen Bauweise herangeht. Die Wände im Erdgeschoss wurden mit einem weiß gekalkten Lehmputz versehen, im Obergeschoss wurden für die Innenwände Lehmbauplatten verwendet. „Uns war wichtig, dass man vom eher rauen Altbau im Erdgeschoss noch etwas spürt und gleichzeitig im oberen Holzgeschoss möglichst eine warme Gegenwelt dazu ausbildet,“ so der Architekt. Zusammen mit den Schrauben und der etwa handbreiten Abdichtungsbahn aus Jute bilden die Lehmbauplatten ein feines Ornament, das angenehm mit den freiliegenden Massivholzscheiben korrespondiert und an eine monochrom gefasste Fachwerkwand erinnert.

Das Haus führt auf vielfältige Weise vor Augen, dass preiswerte ökologische Architektur keinesfalls zu Kompromissen bei der Qualität von Material und Gestaltung führen muss, wenn bei der Planung Durchdachtheit und Experimentierfreude zusammenkommen. Und auch in Bad Hindelang ist man mittlerweile stolz auf den ehemaligen Schandfleck neben der Post, freut sich Jüttner: „Immer mal wieder kommt nun auch eine der älteren Damen aus der Nachbarschaft an den Gartenzaun um festzustellen, dass nun ja doch was ganz Gescheites daraus geworden sei.“ Viel mehr Lob kann es für ein Haus in Bad Hindelang nicht geben.