Südtirol: Der Zirmerhof von Michele De Lucchi

Seit 1890 zieht das Berghotel auf dem Sonnenplateau, umgeben von den namensgebenden Zirbelkiefern, Sommerfrischler an. Seit Juli 2020 zeitgemäß nun auch Architekturfokussierte dank dem erweiterten Zirmerhof von Michele De Lucchi.

Doktor Wacha aus Wien muss wirklich ferienreif gewesen sein: Der erste Gast, den Anna Wieser Perwanger 1890 auf dem Zirmerhof auf 1.560 Metern Höhe im Südtiroler Radein begrüßte, bewältigte die letzten Kilometer von Bozen zu Fuß, neun Stunden wird das gedauert haben. Der Anziehungskraft des Hofs aus dem zwölften Jahrhundert tat das keinen Abbruch: Die großartige Lage mit Blick auf Brenta-, Presanella-, Ortler- und Ötztalergruppen bis hin zu den Hausbergen Schwarz- und Weißhorn, die ausgezeichnete Küche und die Gastfreundschaft zog seither stetig Gäste an; auf der Pariser Weltausstellung 1900 wurde eine Veranda eingekauft, um Platz zu schaffen. Nur kurzfristig sorgten 1925 die Wandmalereien des Südtiroler Künstlers Ignaz Stolz für Verstimmung: Die heiligen drei Könige wurden ein paar Jahre verhängt, da die Stammgäste den Anblick der froschbeinigen Pferde nicht ertragen wollten. Noch heute zieren sie den Speisesaal: „Die Familie hat nie etwas weggeschmissen“, erzählt Sepp Perwanger, der das Hotel und den Hof –inklusive der Erweiterungsbauten des Zirmerhof von Michele De Lucchi – mit 55 Hochlandrindern, den Weinberg und den Wald heute bewirtschaftet. Daher sehen die Zimmer von Ferdinand Sauerbruch oder Richard von Weizsäcker auch nicht viel anders aus als damals. Und der Auszug aus Eugen Roths Gedicht über den Zirmerhof „Denn ohne Bergbahn oder Lift bleibt tief im Tale jeder Schuft“, stimmt noch immer.

 

Michele De Lucchis Lieblingszimmer war die Nummer fünf – der Memphis-Mitbegründer und Tolomeo-Erfinder entwickelte dort den Pavillon für die Expo 2015 in Mailand. Und die Idee, das Hotel zu erweitern. Nicht durch einen Anbau, sondern mit zwei, im Juli 2020 fertiggestellten „Häusern der Wiese“ unterhalb des Hofs auf einem ehemaligen Parkplatz. Es entstand eine überdimensionale, handschmeichlerische Skulptur auf oktogonalem Grundriss mit einer Suite im Erdgeschoss, einer im Obergeschoss und einem langgestreckten Gebäude, das vier Wohneinheiten aufnimmt, voneinander getrennt durch einen zweigeschossigen Gemeinschaftsraum. Gebaut wurden beide komplett aus Windwurf-Holz des Sturmtiefs Vaia, das im Oktober 2018 insgesamt 5.900 Hektar Südtiroler Wald, darunter auch den des Zirmerhofs, zerstörte.

 

Noch leuchten die handgespaltenen Schindeln, die sich auf den pilzförmigen Dächern schuppen, honiggelb. Sie wurden wie die Böden und Innenwände aus Lärche gefertigt, Balken und tragende Wände sind aus Tanne. Und natürlich stammt auch das komplette Interieur, die samtigen Nussbaumsessel und Tische, die leuchtenden handgewebten Teppiche, die kegelförmigen Armaturen und die ein wenig an postmoderne Zeiten erinnernde Spiegelrahmung im Bad von AMDL CIRCLE, de Lucchis Büro. Dass die Innenausstattung der Nachhaltigkeit ebenso verpflichtet ist wie die Konstruktion der Häuser, ist für den italienischen Designer und Architekten, Jahrgang 1951, heute selbstverständlich: Die individuellen Kollektionen der „Produzione Privata“ werden in ausgewählten Kunsthandwerksbetrieben hergestellt, um deren Traditionen zu sichern und weiterzuentwickeln.

Der Zirmerhof
Familie Perwanger
Oberradein 59
I-39040 Radein-Aldein
www.zirmerhof.com

Preise: Halbpension ab 163 Euro pro Person | Häuser der Wiese ab 219 Euro

Dieser Text ist in der November-Ausgabe 2020 des Baumeisters erschienen.