Ein Landhaus von Atelier ordinaire

Das Architekturbüro Atelier ordinaire aus Straßburg baute ein Haus in den Vogesen, dass sich im Angesicht großartiger Natur strenge Zurückhaltung auferlegt. In seinem Innern gehen viel Holz und modernes Design eine glückliche Liaison ein, die gleichermaßen wohnliche wie kontemplative Räume hervorbringt.

 

„Unser Haus steht direkt am Waldrand. Direkt dahinter beginnt die freie Natur, durch die sich Wanderwege in die Berge ziehen“, beschreibt Thomas Wagner vom Straßburger Architekturbüro Atelier ordinaire die Lage seines jüngsten Projektes – ein Haus in den Hügeln der Vogesen, knapp 50 Kilometer westlich von Colmar, dass vieles zugleich ist: Wohnhaus für eine fünfköpfiger Familie, Unterkunft für eine 16-köpfige Gruppe, Ferienhaus, Tagungsort und Pop-up-Büro. Vor allem aber ist es ein sorgfältig gestaltetes Gebäude von knapp 200 Quadratmetern, dessen Fläche die Architekten auf drei Volumina verteilen und so vermeiden, dass es die umgebende Landschaft erschlägt. Auch die Fassadenverkleidung aus grauem Lärchenholz und das anthrazitfarbene Stahldach nahmen sich so weit wie nur möglich gegenüber der Natur zurück. Für die schlichte Funktionalität, die das gesamte Haus atmet, standen die Bauernhöfe der Vogesen Pate.

 

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Fotos: Jonathan Mauloubier

 

Atelier ordinaire vergibt Solo an Kiefer

Im Innern des Gebäudes findet sich kaum eine Fläche, die nicht aus Kiefer besteht. Denn das Haus besteht im Kern aus Kiefern-Brettsperrholz. Anders als auf der Außenseite bleibt dieses in den Innenräumen sichtbar und wird von den Architekten auch für alle Einbauten, Verkleidungen und Bodenbeläge verwendet. So entsteht ein Raumeindruck, bei dem formaler Minimalismus und die unregelmäßige Maserung des Holzes einen spannenden Kontrast bilden. Allein einige wenige Böden und Wandpartien in Bädern und Küche ließ Atelier ordinaire fliesen und verwendete dafür quadratische Fliesen des französischen Herstellers Winckelmans.

 

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Fotos: Jonathan Mauloubier

 

Die Gliederung des Hauses zeigt die gleiche wohlüberlegte Schlichtheit, die auch die Materialität an den Tag legt: Im ersten der drei Volumina findet sich auf der Eingangsebene eine Diele, an die sich die Sauna, Waschküche, Lagerräume und die Sauma anschließen. Eine Treppe führt in die darüberliegende Küche. Das zweite Volumen nimmt allein den großen und hohen Wohnraum auf, dessen große Fenster den Blick auf den unterhalb liegenden Lac de Gérardmer freigeben. Im dritten Gebäudevolumen schließlich sind fünf Schlafzimmer mit angeschlossenen Bädern sowie ein Schlafsaal mit sechs Betten untergebracht.

 

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Fotos: Jonathan Mauloubier

 

Der diskrete Charme der Dekoration

Nur an wenigen Stellen verraten die Innenräume eine diskrete Lust am Dekorativen. Etwa bei dem Durchgang zwischen Küche und Wohnraum mit seinem Rundbogenabschluss. Oder den kleinen kreisförmigen Öffnungen, die den firsthohen Wohnraum mit dem anstoßenden Dachgeschoss verbinden. Auch die Drehschalter und Steckdosen von Hager mit ihren runden Gehäusen gehören zu den Elementen, mit denen die Architekten dem vorherrschenden rechten Winkel einige Kurven entgegenstellen.

 

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Fotos: Jonathan Mauloubier

 

Nicht zuletzt beim Mobiliar rundet Atelier ordinaire die eine oder andere Ecke. Es entstand in enger Zusammenarbeit mit der deutschen Möbelmanufaktur Stattmann. Sie fertigte sowohl die festeingebauten Einrichtungsteile als auch das lose Mobiliar. Hier setzen die Architekten unter anderem die „Profile“-Stühle des Designers Sylvain Wilenz und Tische aus der Serie „Curv“ von Jörg Boner ein. In den Schlafräumen steht nicht nur der Hocker „Add“ des Münchner Designers Steffen Kehrle, hier ist auch eines der ersten Exemplare seines neuen Bettes „Snug“ aufgestellt worden.

 

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Fotos: Jonathan Mauloubier

 

Die Natur als Star

Das vielseitige Haus in den Vogesen wird in naher Zukunft zu mieten sein. Dann werden sich hoffentlich viele Ruhesuchende für seine gekonnte Bescheidenheit begeistern. Der Star jeden Besuchs aber, das war das erklärte Ziel von Atelier ordinaire, soll die Natur sein, in die der Bau eingebettet ist. Oder um es in den Worten von Architekt Thomas Walter zu sagen: „Wir hatten das Glück, dem Haus diese Natur bieten zu können. Unser Projekt musste deshalb bescheiden und durchlässig bleiben: für das Licht, den Wind und all die Tiere, die nachts das Land durchqueren.“