Wowhaus

Der öffentliche Raum war sehr lange kein Thema in Moskau. Erst als 2010 der seit 1992 amtierende Bürgermeister Juri Luschkov entmachtet wurde, setzte ein sichtbarer Wandel in der Stadt ein: das Neudenken eines Gemeinsinns jenseits des kollektivistischen Ideals der Sowjetzeit und des Egozentrismus der letzten Dekade. Die Projekte von Wowhaus zählen zu den wichtigsten und besten in diesem Kontext – paradigmatisch hierfür die Neugestaltung des weltberühmten Gorki-Parks, des Krymskaya-Ufers oder des Strelka-Instituts.

In den Zeiten des Turbokapitalismus nach dem Zerfall der Sowjetunion war es ein kleiner, geschlossener Club von russischen Architekten, Männer heute um die 65 Jahre alt, die das Baugeschehen in Moskau dominierten. Selbst internationale Stars wie Zaha Hadid oder Norman Foster schafften es nicht, gewonnene Wettbewerbe auch zu realisieren. Der öffentliche Raum war wie gesagt kein Thema. Der seltsame, konservative  Geschmack Luschkows wurde allgemeiner Maßstab und fand seinen Höhepunkt in so bizarren Eskapaden wie dem Denkmal für den Zar Peter den Großen, auf einem Schiff stehend. Mit fast einhundert Metern Höhe ist es eines der höchsten Denkmäler weltweit. Die (Bau-)Unternehmerin und Ehefrau Luschkows, Jelena Baturina, stieg durch Aufträge der Stadt mit ihrem Unternehmen Inteco zur Milliardärin und somit reichsten Frau Russlands auf. Heute hält sie sich überwiegend in Österreich und Großbritannien auf.

Channel One und Helikopter

Dmitry Likin, Jahrgang 1966, und Oleg Shapiro, Jahrgang 1962, gründeten Wowhaus 2007. Beide sind ausgebildete Architekten, hatten jedoch keine Lust, in den wilden 1990ern Shoppingcenter, kitschige Paläste für die Neureichen oder Plattenbauten zu bauen. Likin wurde stattdessen Art Director der ersten Generation russischer Hochglanzmagazine wie „Imperial“, „PTYUCH“ oder „Harper’s Bazaar“ und arbeitet seit 1998 für den Fernsehsender Kanal Eins. Inzwischen ist er dort Chefdesigner. Shapiro dagegen bezeichnet sich als „Geschäftsmann“, bis heute verkauft er Helikopter.

Finanzielle Unabhängigkeit gab Likin und Shapiro die Freiheit, eine klare Haltung zu verfolgen und mit ihrem Architekturbüro nur an den Projekten zu arbeiten, von denen sie wirklich überzeugt waren. „We didn’t face the problem to survive – wir hatten nicht das Problem, überleben zu müssen“, meint Likin. Bis 2010 blieb das Büro Wowhaus klein und überschaubar. Über die Medien, vor allem über Stadtmagazine, versuchten sie, ihre Projekte bekannt zu machen und eine öffentliche Debatte anzuregen.

Als Sergei Sobjanin 2010 zum neuen Bürgermeister Moskaus gewählt wurde, setzte ein Umdenken ein: Er brauchte eine neue Agenda für die Stadt. Der öffentliche Raum rückte ins öffentliche Bewusstsein. Der erst 35-jährige Sergei Kuznetsov wurde Chefarchitekt von Moskau und führte offene Architekturwettbewerbe ein, ein Novum für Moskau.

Mehr dazu finden Sie im Baumeister 01/2016