Wo wohnt das Internet?

Architektur ist mehr als hübsche Gebäude. Manchmal wirkt der Blick auf den ge- und bebauten Raum gerade da erkenntnisstiftend, wo es ganz und gar nicht „schön“ zugeht. Unser Fotoessay „Wo wohnt das Internet?“ hat das vor einigen Baumeister-Heftausgaben demonstriert. Der Fotograf Heinrich Holtgreve setzte sich darin auf künstlerische Weise mit der unheimlichen Räumlichkeit des Internet auseinander. Ein Essay des Publizisten Florian Rötzer begleitete Holtgreves Bilder.

Für den Fotoessay erhalten Holtgreve und Baumeister am kommenden Donnerstag in Hamburg eine Medaille bei den „LeadAwards“ – in der Hauptkategorie „Fotografie/Architektur- und Still-Life-Fotografie des Jahres“. Die LeadAcademy für Mediendesign und Medienmarketing vergibt die LeadAwards jährlich an die besten deutschen Print- und Online-Medien.

Aus diesem Anlass zeigen wir hier die kompletten Layouts und veröffentlichen den Rötzer-Essay in gekürzter Form.

Das Internet trat in den 1990er Jahren als Gegenentwurf zur materiellen und im Raum verankerten Gesellschaft an. Damals avancierte es mit dem Beginn des WWW und dem Browser über die meist akademischen  Nutzer hinaus zu einem Massenmedium.

Träumereien und Utopien beherrschten den Eintritt in die digitalen Medien und deren globale Vernetzung. In die „City of Bits“ oder die Telepolis. In John Perry Barlows berühmt gewordener „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“ von 1996 kommen diese Vorstellungen exemplarisch zum Ausdruck: „Unsere Welt ist anders. Der Cyberspace besteht aus Beziehungen, Transaktionen und dem Denken selbst, positioniert wie eine stehende Welle im Netz der Kommunikation. Unsere Welt ist überall und nirgends, und sie ist nicht dort, wo Körper leben… Es gibt im Cyberspace keine Materie.“ Man glaubte, irgendwie über die Computer als Schnittstellen in einen schwerelosen Raum in Form von immateriellen Bits befördert zu werden, in dem andere Gesetze herrschen, begrenzt nur von der knappen schmalen Bandbreite und den Zugangsmöglichkeiten.

In dem Begriff der „Cloud“, der digitalen Wolke, kulminierte diese Vorstellung. Suggeriert wird damit eine schwebende, keinen Widerstand und keine Schwere aufweisende Materialität, ein Gebilde, das überall und nirgends ist, zu dem man Daten sendet, dort lagert, verarbeitet und von dem man Daten abruft, während die eigenen Geräte immer kleiner und leistungsfähiger werden, der einstige Supercomputer längst als Smartphone in die Hosentasche gewandert ist und garantiert, überall und jeder Zeit am Netz zu sein.

Aber die „Wolke“ verbirgt, dass die Fundamente keineswegs aus scheinbar immateriellen Bits und Bytes, sondern weiterhin mit Ziegel und Beton an bestimmten Orten im geografischen Raum errichtet werden. Und während die Wolke leicht und frei am Himmel zu treiben scheint, vermehren sich die Datenzentren oder Serverfarmen, die die Dimensionen alter Industrieanlagen längst erreicht haben und zur Basisinfrastruktur der Wirtschaft, aber auch des Staats geworden sind.

Gerne werden die Rechenzentren, da es sich um Hochsicherheitsanlagen handelt, auch unter die Erde, etwa in Bunker, der Antithese zur Cloud, verlegt. Dabei fällt ein, dass es möglicherweise eine intime Verbindung von unterirdischem Bunker und technischer Imagination gibt. Es ist wohl kein Zufall, wenn die erste konkret ausgearbeitete Totalsimulation der westlichen Geschichte von Platon in einer Höhle angesiedelt wurde und nun die fortgeschrittene Künstlichkeit der scheinbar körperlosen Virtualität wieder gänzlich in Bunker und hochgesicherte, Burgen-ähnliche Anlagen einzieht. In hermetisch abgeschlossenen ehemaligen Armeebunkern im Schweizer Zentralmassiv etwa wurden die zwei aus Gründen der Redundanz miteinander verbundenen „bombensicheren“ Anlagen von Swiss Fort Knox gebaut.

Die Flut der Informationen, die lebhafte Kommunikation mit anderen, das Rauschen der Bilder und Töne, das Lebendige, Laute und Bunte der Oberflächen verschwindet in den insulären Fundamenten des Internet, in den neuen, sich weltweit gleichenden Fabriken des digitalen Zeitalters mit ihrer puren Funktionalität der Kuben, der Serialität im sterilen Inneren und der erhabenen Coolness, die sie ausstrahlen. Obgleich die Daten der Welt durch die immense Anhäufung an Kabeln und Maschinen fließen, sind uns die Rechenzentren, das Herz des Internet, verschlossen – was auch die Architektur umsetzt.