Zürich, Widder-Hotel

Vor drei Jahrzehnten begann die Architektin Tilla Theus in ihrer unverwechselbaren Handschrift das Widder-Hotel in eine der beliebtesten Hoteladressen in Zürich zu verwandeln. Nun erweiterte sie mit ihrem Team das Haus um eine Essbar.

Katholisch oder evangelisch, das ist in der Architektur gemeinhin nicht die Frage. Auch in Zürich nicht: Laut letzter Erhebung des Präsidialdepartements der Stadt betrug der Anteil der römisch-katholischen Bevölkerung 28,7 Prozent und jener der evangelisch-reformierten 22,4 Prozent. Will man nicht heiliger sein als der Papst, könnte man sagen: Das Verhältnis ist ausgeglichen.

„Less is a bore“

Der Schweizer Architekt und Publizist Benedikt Loderer allerdings kommt zu einem anderen Ergebnis: „Die Architekten, jedenfalls hierzulande, haben einen Hang zum Protestantismus. Sie lieben das Scharfkantige, Eindeutige, Einfache. Je weniger Mittel sie einsetzen, desto überzeugter sind sie von ihren Werken. Less is more. Barocke Architekten gibt es zur Zeit in der Schweiz wenige, die ernst zu nehmen wären. Zu ihnen gehört die Architektin Tilla Theus, die für den Widder verantwortlich ist. Sie und ihresgleichen haben mit Venturi herausgefunden: Less is a bore.“

Neues Raumgefüge

Zu lesen ist seine Begeisterung für das Hotel Widder, jenes „katholische Konglomerat“, in der Schweizer Zeitschrift „Hochparterre“ (4/1995). Tilla Theus hatte damals gerade die zehn Jahre währende Verwandlung von acht mittelalterlichen Stadthäusern, die Metzgermeister Niedermann an die Schweizerische Bankgesellschaft verkauft hatte, in das noble Fünfsternehotel mitten in der Zürcher Altstadt abgeschlossen.

Nur für den zentralen Aufzug aus Glas und Chrom und das umschließende Treppenhaus hatte die Architektin einen Innenraum entkernt; aus dem Rest entwickelte Theus auf fünf Untergeschossen, dem Erdgeschoss und sechs Obergeschossen ein Raumgefüge, das wirkt, als hätten die unterschiedlichen Häuser jahrhundertelang unter ihrer Trennung gelitten.

Jeder Raum ein Unikat

49 Zimmer wurden eingerichtet in den gassen- und hofseitigen Räumen, Bäder und Flure fanden Platz in Bereichen, in denen früher Alkoven, Gänge und Küchen waren. So entstand eines der ersten Designhotels: jeder Raum ein Unikat voller Geschichte und Geschichten, möbliert mit Klassikern von Le Corbusier, Eames, Eileen Gray, die umgeben sind von Holz, Leder und schweren Stoffen sowie Kunst von Robert Rau- schenberg, Max Bill oder Andy Warhol.

Anbau „Widder Bar & Kitchen“

2012 und 2013 wurden sämtliche Zimmer aufgefrischt, 2014 eröffnete das Restaurant „AuGust“, dessen schicker Charme mit der Historie des Hauses als Metzgerei spielt – hier sind schon zum Frühstück hungrige Zürcher und Hotelgäste an langen Tischen vereint.

Vor einigen Monaten gestaltete das Büro  die „Widder Bar & Kitchen“ neu: Seither führt eine Wand aus gefaltetem Aluminium voller Nachrichten und Kritzeleien von der Bar in einen großzügigen Raum mit Showküche, Esstheke und dem sogenannten Center-Table, einer Kombination aus Stammtisch und Bierzapfanlage.

Essen lässt sich hier ganz ausgezeichnet, während die angrenzenden Turm- und Erkerstübli allein schon wegen der bemalten Holztapeten einen Besuch wert sind. Und einsam bleibt auch keiner: Neben dem Zugang vom Hotel verdanken die Zürcher dem Umbau einen separaten Eingang in die Bar von der Widder-Gasse 6 aus. Keine Frage also: Der Widder ist noch immer streng katholisch und alles andere als langweilig. Ein Hochamt, kein Wortgottesdienst. Obwohl es um nichts anderes geht als um Geschichten, seit 23 Jahren, immer wieder neu.

ab 470 Schweizer Franken inkl. Frühstück

Adresse

Widder-Hotel
Rennweg 7
Zürich
www.widderhotel.com

Fotos: Widder-Hotel