Waldsassen, Hotel Haus St. Joseph

Es gibt Hotels, da ist man froh, wenn man wieder abreisen kann. Aber man kennt auch Herbergen, die sich alle Mühe geben, dem Gast eine abenteuerliche Nacht in ungewohnten Bettstellagen, offenen Bädern und einem thematisch inszenierten Ambiente zu bieten. Und dann erwischt man Häuser wie dieses, wo man sich zuhause fühlt, unbelästigt, und alles ist ein bisschen besser als daheim. In Waldsassen.

2008 wurde dort von Brückner und Brückner das Seminar- und Gästehaus St. Joseph als Um- und Anbau zweier Flügel der barocken Abtei fertig gestellt. Es wird wie ein Hotel in „geistlich gastlicher Atmosphäre“ geführt.

Zum Innenhof hin ergänzt eine Lobby mit Galerie-Treppenhalle die alten Mauern, deren markanter Säulenrhythmus sich aus den Pilastern der Klosterfassade herleitet. Im Winkel ergibt sich ein klassischer Eckkonflikt auf der Außenseite. Im Innenraum sieht man auf das vorhandene Dach mit neuen Biberschwanzziegeln und schmalen Glasausschnitten, was leider wie eine Baumarktbemusterung wirkt. Die Architekten hatten Glasschindeln vorgeschlagen, den Zisterzienserinnen war der klare Ausblick auf die barocke Anlage wichtig, drum setzten sie die Dachfenster durch. Weil man diesen Wunsch nachvollziehen kann, wäre es besser gewesen, von den in weltlichen Dingen erfahrenen Architekten eine andere Lösung zu verlangen, statt diese von innen (den Seminarräumen) und außen (der Galerie) behelfsmäßig wirkende Bedachung auszuführen. Der neue, gebäudehoch verglaste Zwischenraum der Lobby dient als Verkehrsweg, Halle, Frühstücksraum. Ein hübsches kleines, flach überwölbtes Lokal, bei dem man den Fußboden unter den Steinpfeilern tiefer legen musste, ergänzt die gastronomischen Stationen.

Die Attraktion sind zweifellos die Zimmer, die sich auf drei Ebenen an den Fluren reihen. Hier begleitet auf der Außenseite weiß geschlämmtes, unregelmäßiges Mauerwerk mit verglasten Durchblicken zur Treppenhalle, die neuen Räume sind durch eine streng schraffierte Holzwand begrenzt – ein Motiv, das überall etwas zu dankbar verwendet wurde, im Lokal sind selbst die Mittelsäulen der Tische mit Brettabschnitten geteilt.

Hinter den Türen empfängt ein vorbildlich organisierter Eingangsbereich, eine Schleuse des Praktischen: Spiegel, Garderobe, Schrank, ein Platz für Schuhe und Koffer, gegenüber die Tür zum Bad, endlich wieder ein abgeschlossener Raum und nicht diese alberne Verteilung der Sanitärobjekte im Zimmer, die in smarten Hotels so gerne vorgeführt wird. Hier steht man auf einem (beheizbaren) Boden aus Flossenbürger Granit, ebenso der Waschtisch, und in der raumhoch ausgekleideten Dusche sieht man, dass die Steinplatten solide wie Grabsteine sind. Unter dem Waschtisch lassen sich alle Kulturbeutelutensilien in Schubladen verstauen, darüber vergrößert ein riesiger, vollflächig die Wand ausfüllender Spiegel den Raum. Es gibt Fünf-Sterne-Hotels, in denen man mit dieser Ausstattung vollauf zufrieden wäre.

Die Zimmer umgeben den Gast mit einer geschmackvollen Ruhe, wie sie wohl nur in Klosternähe zu erreichen ist. Selten hat man sich in fremder Umgebung so aufgehoben gefühlt und so gut geschlafen. Kruzifix, Kniebank und Weihwasser werden zwar nicht viele Gäste zu liturgischen Übungen nutzen, aber die kontemplative Ordnung der Zimmer muss auch ein Agnostiker spüren: Auf dem Boden liegen massive Eichendielen, die unregelmäßige Wand mit einer tiefen Fensternische lässt sich ganz mit einem Vorhang schließen, dahinter verbirgt sich in einigen Zimmern ein Flachbildschirm. Es gibt einen hübschen modernen Polstersessel und aus dem alten Fundus der Abtei Tisch und Stuhl. Unterm Dach sind Maisonette-Zimmer eingebaut, hier kann man auf einer kleinen Galerie arbeiten und in das turmhoch kletternde Gespärre sehen.

Ein besonderes Thema waren die Betten. Dem Architekturbeflissenen werden die mit beigem Alcantara bezogenen Unterbauten auffallen, die nicht zu den Eichendielen passen. Wenn man Glück hat, erwischt man ein Zimmer mit den von den Architekten entworfenen Gestellen aus Eichenholz oder ein schwarzes Himmelbett-Fragment. Aber diese Sonderanfertigungen waren nicht für den Hotelbetrieb geeignet, weil es zu umständlich ist, beim täglichen Bettenmachen die Matratzen zu stemmen und die Laken glatt hinter die Zarge zu stecken. Ähnlich wie bei der Entscheidung für die innen liegenden Ziegeldächer hätte man sich gewünscht, dass die Zisterzienserinnen und Architekten gemeinsam eine bessere Lösung finden. Architektur ist keine Glaubenssache.

Adresse

Haus St. Joseph
Basilikaplatz 2
95652 Waldsassen
www.abtei-waldsassen.de