Unterwegs im Old Mill Belgrade

Belgrad – altmodisch und modern zugleich. Die serbische Hauptstadt entdeckt sich immer wieder neu, so auch ihre Bauwerke. Graft erzählen mit ihrem Umbau der Alten Mühle eine neue Geschichte.

Wenn Jeanine Platz die Suiten dieser Welt betritt, ist sie aufgeregt wie ein kleines Kind. Sie kann es kaum erwarten, die Aussicht aus den Fenstern zu erspähen. Für sie zählt nur der Blick, denn der Titel ihres Kunstprojekts lautet: „Suite View Worldwide“. Die Hamburger Künstlerin fasziniert der unendliche Raum, der nicht enden wollende Horizont. Sie fängt seit 2015 die weltweiten Skylines auf ihrer Leinwand ein und heute das Panorama Belgrads. Vor jedem Reiseantritt fragt sie sich: Was wird mich erwarten? Shiny Business District oder verwahrloste Gegend?

In der Suite 1017, im zehnten Stock des Old Mill Belgrade Hotels, entdeckte sie hinter der raumhohen Verglasung beides: Heruntergekommene Fassaden treffen auf brutale Betonklötze, graues Industriegebiet auf mediterrane Altstadt. Die „weiße Stadt“ ist von Kontrasten geprägt: Auf der einen Seite des Flussufers der Save befindet sich Alt-Belgrad, keine zwei Kilometer entfernt auf der anderen Seite des blauen Bandes liegt Novi Beograd, das nach 1948 entstanden ist. Das verbindende Element: die Save, sie vermittelt zwischen Alt und Neu, an ihr ballt sich das bunte, farbenfrohe Leben der serbischen Hauptstadt.

Auch das Viersterne-Hotel Old Mill Belgrade besitzt eine kontrastreiche Erscheinung: Alt und Neu, Industrie und Moderne treffen hier aufeinander. Graft Architekten verwandelten 2014 das denkmalgeschützte Gebäude der „Alten Mühle“ in das erste Designhotel Belgrads. Ihr Entwurf umfasste die Erweiterung der bestehenden Strukturen mit neuen Materialien, Farben und Formen und die Aktivierung der ursprünglichen Qualitäten des Kulturdenkmals der „Old Mill“. Das Foyer mit Empfangstresen, der aus alten Maschinen gefertigt wurde, und Sitzgelegenheiten empfing sie mit einer offenen, einladenden Atmosphäre.

Die historische Außenhaut der Mühle ist erhalten geblieben – die Ziegelsteine wurden gereinigt, repariert und wieder originalgetreu verbaut – und sorgt für industriellen Charme. Im starken Kontrast dazu steht das in hellen Tönen gehaltene Konstrukt, das sich in Schichten auf der einen Seite der Lobby auftürmt. Es erinnert an ausgewaschenes Gestein – die moderne Baukunst schwabbt förmlich hinein und bahnt sich wellenartig seinen Weg in das Innere des Hotelkomplexes.

Der Eingang, die Rezeption sowie Bar und Restaurant sind in dem geschichtsträchtigen Gebäudeteil untergebracht. Während die neu errichteten Hochhäuser die Zimmer und Suiten wie auch die Wellness- und Fitnessbereiche beherbergen. Die öffentliche und grobe Darstellung der Old Mill-Anlage geht allmählich in eine private und angenehme Umgebung in den Gästezimmern über: Die Materialien Metall und Stein werden durch Holz und Textilien abgelöst. Die 236 Zimmer verfügen über große Fenster, Sofalandschaft und offene, helle Bäder. Die Wände sind mit individuellen Malereien verziert, die von der industriellen Vergangenheit des Standorts zeugen.

Nach nur zwei Tagen Malen, Tupfen und Schmieren ist Jeanine Platz mit ihrem Lichtermeer-Kunstwerk fertig, und das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die längliche Leinwand erzählt, wie auch das Gesamtkonzept der Architekten, die Geschichte der sich wandelnden Stadt, von dem Vorher und Nachher der Mühle: Der Geist der alten Industrieanlage lebt in neuem Kleid weiter.

Mehr dazu finden Sie im Baumeister 9/2016