Guter Europäischer Rat ist teuer

„Die EU muss weg!“ so lautet die Parole der EU-Gegner. „Der Rat muss weg!“ so lautet die Parole der EU-Reformierer. Im Europäischen Rat werden vorwiegend die Interessen der jeweiligen Nationalstaaten vertreten. Der europäischen Integration tut das nicht gut. Aber anstatt den Rat abzuschaffen, haben sich die Nationalstaaten jetzt in Brüssel sogar einen Neubau gegönnt, der die Botschaft vermitteln soll, die europäische Integration sei auf einem guten Weg.

Anleihen in der Kunstgeschichte?

Hieronymus Bosch hielt es in einem Gemälde fest: Der Heilige Antonius hatte kein leichtes Leben. Die europäischen Staatschefs auch nicht. Antonius plagten Teufel und Dämonen und dann auch noch irdische Lüste. Die europäischen Staatschefs plagen die europäischen Bürger. Sie unterstellen den Staatschefs die niedersten Beweggründe. Deshalb, so krakeelt ein kleiner, aber lauter Teil der europäischen Bürger, sei die EU zu verdammen, aufzulösen, in ihre ursprünglichen Bestandteile zu zerlegen.

Die Staatschefs und ihre Fachminister sehen das anders – gerade nach der Brexit-Entscheidung. Sie wissen sehr gut, dass jeder einzelne europäische Bürger von der EU profitiert. Das gilt auch und gerade dann, wenn er in einem Land lebt, das als Nettozahler dieser Union angehört. Zur Hölle mit den Nationalisten! Der nationalistischen Versuchung ist bisher erst ein Land erlegen. Die Folgen werden dort verheerend sein.

Die Versuchungen

Hieronymus Bosch hat sich ausgemalt, was passiert, wenn man den Lockungen der Dämonen erliegt. Eine kleine Kopie seines Bilds hängt im Brüsseler Kunstmuseum. Im Hintergrund ist ein eiförmiges, offensichtlich aus Metall zusammengefügtes Gebilde zu sehen. Sein Eingang ist mit einem Fallgitter bewehrt. Höchste Sicherheitsstufe? Im obersten Geschoss wohnt eine Frau, die reichlich verzweifelt aussieht. Das kleine Obergeschoss ist stark zerfallen und nur notdürftig repariert. Auf dem Nachbargebäude, offensichtlich ein Ratsgebäude mit Sitzungssaal und einer Uhr an der Fassade, saufen ein Pfaffe und ein Weib. Im Inneren geht es drunter und drüber: Eine Leiter wird geschleppt, und ein Affe reitet auf einer Kuh. Ein bis aufs Hemd ausgezogener Mensch wird aus dem Gebäude vertrieben. Ein Brite?

Die recycelte Fassade

Gegenüber dem Hauptgebäude der Europäischen Kommission, dem „Berlaymont“, zwischen dem „alten“, potthässlichen Ratsgebäude von 1995 und dem historischen „Residence Palace“ von 1927, wurde für die Treffen der europäischen Staatschefs ein neues Gebäude errichtet. Der belgische Architekt Philippe Samyn scheint das Bild von Hieronymus Bosch gekannt zu haben. Ist es das Widerstehen gegen eine Versuchung ein gutes Symbol für Europa? Den Kern des Gebäudes bildet eine mehrgeschossige, eiförmige Stahlkonstruktion. In diesem Gebilde sind Sitzungssäle untergebracht. Mit gebührendem Abstand ist es von einer Fassade umgeben, deren Raffinesse nur Kundigen aufgeht: Die Fassade besteht aus aufgearbeiteten Holzfenstern, die aus der gesamten EU stammen. Völlig unterschiedliche Formate im jetzt weitgehend einheitlichen Holzton symbolisieren das Motto Europas: In Vielfalt vereint, nicht etwa in Einfalt vervielfältigt.

 

Projektteam: Philippe Samyn and Partners Architects & Engineers, Lead and Design Partner, Studio Valle Progettazioni Architects, Buro Happold Limited Engineers
Fotos: Quentin Olbrechts, Thierry Henrard, Marie-Françoise Plissart
Farbkonzept: Georges Meurant