Brasílias Fotograf: Marcel Gautherot

„Marcel Gautherot war viele Jahre lang unser Lieblingsfotograf. Wir haben die Gebäude entworfen, er hat sie fotografiert… Und was er für Fotos machte… Wie gekonnt er die richtigen Blickwinkel und die Kontraste in der Architektur traf, von der er so viel verstand!“

Dieses Zitat stammt von Oscar Niemeyer, der eng mit Gautherot zusammen gearbeitet hat. Während der Fotograf zu Lebzeiten nicht den großen Bekanntheitsgrad erreichte, war der Architekt ein gefragter Mann. Das lässt sich damit begründen, dass die Fotografie in Brasilien erst spät Eingang in den Kunstbetrieb fand. Auch Bildagenturen wurden erst in dieser Zeit gegründet.

Große Momente der Moderne

Heute misst man Gautherot mehr Bedeutung zu. Sein Werk gilt als fundamentaler Bestandteil der Geschichte der modernen Architekturfotografie. Immerhin war Marcel Gautherot bei den großen Ereignissen der Moderne dabei. Das fing schon damit an, dass er 1925 an der Abendschule mit dem Architekturstudium begann, als Le Corbusier und Pierre Jeanneret mit dem Pavillon l’Esprit Nouveau für die Weltausstellung des Kunstgewerbes und Industriedesigns ein Zeichen gegen die dekorativen Künste setzten. Gautherot war damals 15 Jahre alt, bekam die Umbrüche in der modernen Architekturbewegung also von Jugendbeinen an mit.

Diese Einflüsse zeigen sich unter anderem in einem Artikel, den er für die Zeitschrift Discours sur l’architecture française verfasste. Hier spiegelt sich Corbusiers Auffassung wider, für den „Architektur ein kluges, korrektes und herrliches Spiel vereinter Baukörper im Licht“ ist und Licht die „Grundlage der Architektur“ darstellt. Der Inhalt des Beitrags kündigt schon die Untrennbarkeit von Architektur und Fotografie in Gautherots Schaffen an. Viele Jahre später bestätigt sich das mit seiner Aussage: „Fotografie ist Architektur.“ Jemand, der nichts von Architektur verstehe, sei nicht im Stande, gute Fotografie zu machen.

Gautherot begann, die bedeutendsten Vertreter der Moderne in Brasilien zu fotografieren. Zwischen 1942 und 44 dokumentierte er den Komplex Pampulha von Niemeyer in Belo Horizonte. Der Bau wurde vom Bürgermeister der Stadt Juscelino Kubitschek in Auftrag gegeben. Jahre später war dieser Staatspräsident und mit Niemeyer zusammen für die Errichtung von Brasilia verantwortlich. Auch in diesem Schlüsselmoment der brasilianischen Architekturgeschichte war Gautherot für die fotografische Dokumentation der Errichtung der Stadt verantwortlich.

Und obwohl die Fotografie als Kunst noch nicht besonders anerkannt war, wurde sie als Instrument zur Bekanntmachung und Werbung für die moderne Architektur genutzt (so auch die Bilder von Lucien Hervés für Le Corbusiers Planstadt Chandigarh). Werbung war im Falle Brasílias auch nötig – immerhin musste man die Stadt mit Einwohnern füllen, was für viele ein Wegzug aus Rio bedeutete.

Im Quadrat

Als Gautherot Brasília fotografierte, war er 50 Jahre alt – also ein gestandener Fotograf. Dennoch kann man sagen, dass er seinen Stil schon früh gefunden hat. Sein ganzes Wirken hatte er eine gleichbleibende Sichtweise und den außergewöhnlichen Aufbau seiner Bilder behalten.

Eine Besonderheit seiner Bilder ist das quadratische Format. Dies entstand aus der Nutzung der Rolleiflex, die im quadratischen Negativformat (6 x 6 cm) belichtet. Für den Betrachter entsteht auf diesem Format keine waagrechte oder senkrechte Orientierung. Der Blick stellt ein Gleichgewicht her.

Gautherot beherrschte die statische Sprache des Quadrats perfekt. Er baut auf dessen Diagonalen auf, führt Winkel von 45 Grad ein, teilt die Fläche durch die Waagrechte (manchmal Senkrechte) in zwei Teile auf, und rückt eine Hauptfigur in den Mittelpunkt. Und genau deswegen haben die Bilder von Brasília solche Sprengkraft: Gautherots Stil verschmilzt mit Niemeyers großen mathematischen Kurven (Parabeln und Hyperbeln) – in der Dokumentation der Bauarbeiten wie der fertigen Bauwerke.

Fotograf auf Reisen

Marcel Gautherot wurde 1910 in Frankreich geboren – ab 1940 lebte er in Brasilien. Zwischen 1934 und 35 unternahm er auf eigene Kosten seine erste Fotoreise nach Griechenland. Darauf folgte Mexiko – und 1939 schließlich Brasilien, wo er das Amazonasgebiet fotografierte. Durch seinen Militärdienst im Zweiten Weltkrieg musste er Brasilien verlassen, kehrte aber 1940 wieder zurück – und blieb. Im hohen Alter erklärte Gautherot, zur Fotografie sei er vor allem deshalb gekommen, weil er gerne reisen wollte.

Der fotokünstlerische Weg von Marcel Gautherot, zu dem auch Reise- und Landschaftsimpressionen, Porträtfotografie, ethnologische Bilderkundungen oder Alltagsaufnahmen gehören, wird im Buch „Marcel Gautherot“, erschienen im Verlag Schneidegger & Spiess anhand von 200 Fotografien aus all seinen Schaffensphasen und angereichert mit Essays internationaler Experten porträtiert.