Anlehnung und Differenz

Ein Besuch des „Thun-Panoramas“ ist ein Ausflug in die Vergangenheit. Das Rundbild gilt als das älteste erhaltene – doch trotz dieser Attraktion blieben die Besucherzahlen lange weit hinter den Erwartungen zurück. Erst ein neuer, eleganter Anbau von Graber und Steiger stattete den Rundbau mit allen Annehmlichkeiten – wie einem Café – aus, die auch der schönen Lage am Thuner See gerecht werden.

Im Jahre 1814 eröffnete am Sternengässlein in Basel eine neue Attraktion: In einem eigens erstellten Rundbau präsentierte der zuvor vornehmlich durch Veduten bekannte Maler Marquard Wocher ein 280 Quadratmeter messendes Riesenwandbild der Stadt Thun – nur gut 20 Jahre, nachdem Robert Barker die Gattung des Panoramas in London gleichsam erfunden hatte. Das gewaltige Gemälde hatte Abmessungen von 7,5 mal 38 Metern; Wocher hatte es, basierend auf in der Altstadt von Thun angefertigten Skizzen, in den vergangenen sechs Jahren angefertigt.

Es passte mit seiner Mischung aus Stadtansicht, Gebirgspanorama und Genredarstellung gut in die Zeit des frühen 19. Jahrhunderts: Die Schweiz hatte sich seit Albrecht von Hallers Alpen-Dichtungen, Goethes Reiseberichten und Schillers „Tell“ als Sehnsuchtsland etabliert, auch wenn die mühsamen Reisen privilegierten Personen vorbehalten blieben. So zeugte das Thun-Panora- ma in Basel von der fernen Welt des Berner Oberlands. Wochers Kalkül ging allerdings nicht auf, sein Unternehmen geriet zum Misserfolg, und er selbst starb 1830 in Armut. Testamentarisch der Stadt Thun vermacht, gelangte das Rundbild lange Zeit nach Wochers Tod dorthin, allerdings zu einer Zeit, da Panoramen als Illusionsmaschinerien der Vergangenheit angehörten. Eingelagert geriet es in Vergessenheit und wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg wiederentdeckt. Die Entscheidung, für das Wandbild Wochers einen dauerhaften Bau zu errichten, erklärt sich nicht nur aus lokalhistorischen Motiven; sie ist auch ein Indikator für die sukzessive Rehabilitierung für die zuvor geschmähte Kunst des 19. Jahrhunderts und die Gattung des Panoramas, als dessen ältestes erhaltenes Beispiel das Rundbild in Thun gilt.

Der Thuner Stadtbaumeister Karl Keller erbaute im Park der Villa Schadau eine mit einer Oberlichtkuppel versehene Rotunde von 12 Metern Höhe und 14 Metern Durchmesser, deren Betonskelett mit Backstein ausgefacht ist. 1961 öffnete das „Wocher-Panorama“, und heute kann Kellers schlichter Bau für eine nach dem Zweiten Weltkrieg wahrlich unzeitgemäße Bauaufgabe als bedeutendes Zeugnis der Nachkriegsmoderne gelten. Die Besucherzahlen blieben indes auch hier hinter den Erwartungen zurück, wofür unter anderem die zwar landschaftlich attraktive, aber etwas abseitige Lage südlich der Altstadt und nahe der Nordspitze des Thunersees verantwortlich ist. Daran ließ sich nichts ändern, wohl aber an anderen Faktoren. Im Vorfeld des 200-jährigen Jubiläums entschied man sich, den offiziellen Namen von „Wocher-Panorama“ in „Thun Panorama“ zu ändern – und führte 2008 einen Studienauftrag für ein neues Eingangsbauwerk durch. Denn der schuppenähnliche Zugang zu Kellers Zylinderbau war einerseits ästhetisch unbefriedigend und bot andererseits nicht genügend Platz für Funktionen, ohne die heutzutage kein noch so kleines Museum auszukommen vermag: Sonderausstellungsfläche, Café, Garderobe, Empfang, Toiletten.

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