05.11.2014

Gewerbe

Statisten bei der Feldarbeit

von Eike Becker

Nach dem Oktoberfest ist vor der Expo Real in München. Dieses Jahr mit 1.600 Ausstellern aus über 30 Ländern. Wie immer ohne London, Paris, Madrid, Rom, … aber mit Moskau und 37.000 Teilnehmern. Davon gefühlt 36.000 Männer aus der Babyboomer Generation in dunklen Anzügen und zu engen Schuhen. Und die treffen sich zum Speeddating.

Manche nennen es auf deutsch auch Arbeitsmesse. Dabei darf der Vergleich mit der Mipim, der südfranzösisch mondänen, vorbildlichen Schwester Veranstaltung in Cannes nicht fehlen. Horses for courses, wie die Engländer sagen. Hier Feldarbeit in schweißtreibenden Messehallen, dort Apassionata auf dem roten Teppich am Yachthafen.

Die Messe in München ist eine fein austarierte, deutschsprachige Kontakt-und Aufmerksamkeitsmaschinerie zwischen den grossen Ständen der Regionen München, Frankfurt und Berlin. Das sind die zentralen Marktplätze, hier schlägt das Herz der Branche noch ein wenig schneller.

In der hinterletzten Ecke haben auch die Architekten am Ende der Halle A2 ein kleines unbeugsames Dorf errichtet. Für 220.000 Euro ein Gemeinschaftsstand, organisiertvon der Bundesstiftung Baukultur, der Bundesarchitektenkammer und der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen.

Die Schönheit der Städte ist per se nicht auf der Agenda eines Bankers, Maklers, Projektentwicklers oder Investors. Sie wird zwar gerne in Prospekten abgebildet, verantwortlich sind aber in der Regel andere. Häufig Architekten und Stadtplaner.

Die individuelle Projektqualität wird in städtebaulichen Verträgen und Wettbewerben erzwungen und auch manchmal über das Baurecht der öffentlichen Hand und ihrer Genehmigungsbehörden durchgesetzt.

Hadi Teherani hat zu diesem ganzen Treiben einen schönen Anzug ausgewählt, dunkel blau mit weissen Nähten und Knöpfen, Wolf Prix hab ich nicht gesehen, Armand Grüntuch diskutiert über Werte und Verfahren auf dem Architektenstand, Matthias Sauerbruch entsendet Vertreter, Jürgen Meyer H. gewinnt hoffentlich gerade einen Wettbewerb, Jürgen Engel ist wie immer schon da und Ruth Berkthold hat wie immer Spass.

Architekten kommen hier nur dann über die Rolle von Statisten hinaus, wenn sie die Wirkungsammenhänge dieser Spezialwelt kapieren und sich einbringen! Das ist nötiger denn je. Denn ihre Innovationskraft wird gebraucht! Unglaublich, dass sich die Architekten so an den Rand drängen lassen!!! Aber vielleicht haben die ja durch all die unbezahlten Wettbewerbe, die sie so liebevoll bearbeiten, einfach keine Zeit mehr für solch ein Treiben!

Die Branche befindet sich im Würgegriff der Einfallslosigkeit.

Die gedankliche Krise der Banken, Versicherungen und institutionellen Investoren führt zur Krise der gesamten Immobilienbranche. Wer kauft, sagt an. Doch hier ist der Ausschluss jeglichen Risikos häufig noch das höchste Ziel. Was richtig war, wird jedoch nicht immer richtig sein. Denn die grossen Platten auf der Oberfläche der Gesellschaft verschieben sich. Die steil ansteigende Migration in die urbanen Zentren, die immer grössere Mobilität, die grundlegenden demographischen Veränderungen, die Miniaturisierung und Mobilisierung der Technik, die Energiewende und der damit einhergehende Umbau der Stadtgesellschaften erfordern grundsätzlich neue und bessere Lösungen in allen Bereichen der Immobilienbranche.

Wer kann sich an ein Gespräch darüber auf der Messe erinnern? Kaum einer. Die allermeisten sind selber getrieben vom immer noch grösseren individuellen Leistungsdruck. Nur Wenige können sich lösen von ihrer Projektarbeit. Es sind die vielen, alltäglichen, kleinen, schweisstreibenden Schritte, die den Blick auf das grosse Ganze so verschwimmen lassen. Es ist der enorme Anpassungsdruck, der innerhalb der Branche aus anfänglich richtigen Entscheidungen Blasen und aus Einzelnen den Zug der Lemminge werden lässt. Anstatt kontinuierlich nach passenderen, neuen Lösungen zu suchen und diese einzubauen bleibt es allzu häufig bei naiver Riskoabwehr und weiter so Strategien.

ZZ erleben wir das grösste Konjunkturprogramm der deutschen Immobiliengeschichte: die historisch niedrigen Zinsen in einer noch dynamischen Wirtschaft. Sie haben zu einem Wohnungsbauboom geführt, der vielen viele Aufträge beschert und unsere Städte sichtbar verändern wird. Wer diese extrem günstige Ausgangssituation nicht zur Anpassung an die geänderten gesellschaftlichen Bedürfnisse nutzt, wird das Versäumte bald bereuen.
Das betrifft möglicherweise auch Architekten, die sich außerhalb ihrer unmittelbaren Umgebung allzu fügsam mit der Rolle des Statisten begnügen.

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