18.02.2020

Wohnen

Standards fordern Askese

Fotos: David von Becker

Otto Steidle hat es in den 1970er-Jahren vorgemacht: Wohnungsbau als Systembau. Jetzt haben die Architekten von FAR frohn & rojas etwas ganz Ähnliches in Berlin-Moabit versucht und ein Wohnhaus entworfen, das sich sichtbar aus Betonfertigteilen zusammensetzt. Unser Autor hat das Gebäude besucht und erläutert die Vor- und Nachteile des Konzepts.

Fotos: David von Becker

Industriebau zum Wohnen

Kosten minimieren im überteuerten Wohnungsbau? Ideen hatte Marc Frohn genug, aber um sie auszuprobieren, brauchte er ein passendes Grundstück. Nach jahrelanger systematischer Suche wurde der Partner von FAR frohn & rojas in Moabit fündig, und es gelang ihm sogar, das Grundstück zu erwerben: ein typisches Berliner Wohngebiet, entstanden um 1895, doch mit Fehlstellen, denn die Kreuzung Waldenser/Emdener Straße war im Krieg weggebombt worden. Eine der Ecken blieb seitdem unbebaut. Zwei Straßen und der Hof, drei freie Seiten also, erwiesen sich für Frohns Projekt als ideal, denn er wollte durch Vorfabrikation Kosten drücken. Die Logik von Industriehallen schwebte ihm vor, sechsmal übereinandergestapelt.

Fotos: David von Becker

Das System ist schnell erklärt: Fertigteilstützen und Unterzüge an den Längsseiten, vorgespannte π-Platten, die über die gesamte Tiefe des Hauses 13,5 Meter spannen, die Brandwand einerseits und ein monolithisches Treppenhaus mit Aufzug andererseits als Festpunkte. Die ungeteilten Flächen erlaubten für das Büroerdgeschoss und die zehn Wohnungen darüber individuelle Grundrisse in Trockenbau. Die giebelseitige Achse blieb kalt. Sie nimmt die Loggien, den Aufzugsturm und Adas offene Treppenhaus auf.

Als an den Längsseiten vor die Konstruktion gestellte Außenhaut dient eine ebenfalls verfügbare Standard-Vorhangfassade mit raumhohen Schiebefenstern. Lediglich zwölf Isokörbe waren als Sonderelemente bei den Konsolen an den Loggien vonnöten, wo die kalten Unterzüge an das warme Tragwerk anschließen. Da ein Auskoffern der Vorkriegsfundamente zu teuer gewesen wäre, gibt es kein Kellergeschoss. Deshalb steht das Haus auf Bohrpfählen.

Will man die ökonomischen Vorzüge des Betonfertigteilbaus nutzen, stehen inzwischen leistungsfähige Firmen bereit, die aus DDR-Plattenbauwerken hervorgegangen sind. Kosten minimieren kann man insbesondere dann, wenn man sich auf deren Vorgaben einlässt. In diesem Fall existierten die Schaltische für das Industriehallensystem mit den vorgespannten π-Platten bereits. Die Platten waren jedoch für Frohns Anwendungsfall zu breit.

Die Fertigteilstützen aus Beton auf der Baustelle. Foto: FAR frohn & rojas
Ein typischer Knotenpunkt mit Stütze, Unterzug und vorgespannter π-Platte. Foto: FAR frohn & rojas
Die verwendeten Bauteile hatten ein Gewicht von bis zu zehn Tonnen. Foto: FAR frohn & rojas
Die Montage erfolgte über einen Mobilkran, der die Konstruktion in sechs Wochen aufstellte. Foto: FAR frohn & rojas

Die Achsmaße anzupassen und die Schalung umzurüsten, hätte 40.000 Euro gekostet. So wurden hölzerne Begrenzungen eingestellt, um die Randbreite zu kürzen. Stoßen nun die π-Platten aneinander, entstehen unterschiedliche Abstände zwischen den Stegen – ein Umstand, der sich im Stützsystem leicht ausgleichen lässt. Da die Bauteile bis zu zehn Tonnen wiegen, wurde für die Montage ein Mobilkran geordert, der die Konstruktion in sechs Wochen aufstellte. Zeitbestimmend war vor allem die auf die π-Platten aufzubringende, sechs Zentimeter starke Betonschicht, die jeweils übers Wochenende aushärten musste. (…)

Den Artikel über das Wohnhaus in Berlin-Moabit finden Sie in unserer aktuellen Baumeister-Ausgabe 02/2019.

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