Stall-Haus in Lumbrein

Saftige Bergwiesen, das läuten der Kuhglocken und ein Blick über unzählige Berggipfel mit ihren weißen Spitzen – wir befinden uns im Örtchen Lumbrein im Bündner Oberland. Beim Betrachten der glücklich grasenden Kühe will man fast mit einer von ihnen tauschen, um dieses Panorama jeden Tag genießen zu können.

Ähnlich müssen das die Architekten Morger + Dettli gesehen haben, als sie 2008 schon einmal für einen Neubau in das Dorf in der Schweiz kamen. Direkt neben dem Baugrund befand sich ein in traditioneller Bauweise errichteter Kuhstall: Im Erdgeschoss ein geschlossener Bereich mit festem Sockel aus Stein, im Obergeschoss eine hohes, luftdurchlässiges Heulager. Dieses Objekt sollte knappe drei Jahre später auch zu einem ihrer Projekte werden.

Die Holz-Handwerkskunst in der sogenannten Strickbauweise ist maßgeblich an der Geschichte und Tradition der Schweiz beteiligt. Die dunklen Holzhütten prägen weltweit das Bild des Berglandes. Um den ungenutzten Kuhstall vor Verrottung zu schützen, musste jedoch gehandelt werden: Es kam zum Umbau in ein Wohnhaus.

Von außen betrachtet sind die Eingriffe kaum sichtbar, so hält der ehemalige Stall das Bild der Kulturlandschaft in den Alpen aufrecht. Was distanziert betrachtet noch immer wie eine etwas windige Behausung aussieht, lässt beim näheren Betrachten eine präzise gestaltete zweite Holzschicht erkennen. Diese bietet ganze 170 qm Wohnfläche. Um den Bestand nicht zu verletzen, wurde das Dach vorsichtig abgenommen und das Innere entkernt. In die so entstandene Hülle wurde passgenau ein – aus vorgefertigten Teilen bestehendes – Holzhaus eingesetzt. So sieht man dem Gebäude von außen betrachtet nur seine neues Haupt an.

Da im Stallbereich die alten Wände und Tragbalken nach aufwändiger Restaurierung noch erhalten werden konnten, ergibt sich ein spannender Wechsel zwischen hellem, akkurat verarbeitetem Lärchen-, und dem dunklen, von den Jahren gezeichneten Holz des ehemaligen Kuhstalls. Die Architekten lassen durch Fugen zwischen Neu und Alt ihren Respekt gegenüber der alten Struktur erkennen. Ähnlich dem Matrjoschka-Prinzip entsteht so ein Haus im Haus.

Um mehr vom urigen Schweizer Berghüttencharakter ins Innere zu holen, läuft die äußere Schicht der verstrickten, knorrigen Latten vor den Fensteröffnungen weiter und erfüllet somit gleichzeitig den Zweck als Sonnenschutz. Und wenn die Kühe jetzt auf ihrem Rundgang über die Wiesen auf das so entstandene Wohnhaus blicken, wünschten sie vielleicht, sie wären Mensch.

Fotos: Ruedi Walti