Stadt und Strand – Mail aus Rotterdam (5)

Vier Wochen lang war das Büro im Sommer leer gefegt: Der Großteil der MVRDV-Familie machte Urlaub. Während der „bouwvak“, der niederländischen Bauferien, geht der Bausektor in den verschiedenen Regionen in die Sommerpause. Für all diejenigen, die noch auf ihren Jahresurlaub warten mussten, war es die Zeit, alte Projekte zu archivieren oder neue Projekte zu sondieren und voranzubringen. Es ist wohl die entspannteste Zeit des Jahres – oder die Ruhe vor dem Sturm: Ende August ist das Büro schlagartig wieder mit 150 Mitarbeitern voll besetzt, eine Woche später starten zwölf neue Praktikanten. Es gilt, die besten Erlebnisse der vielseitigen Reisen auszutauschen und sich gegenseitig bekannt zu machen, sich über das Wiedersehen zu freuen und den frischen Wind zu genießen. Und dann? Dann starten wir wieder gemeinsam durch.

Wenn man den Sommer in den Niederlanden verbringt, gibt es allerdings auch einiges zu entdecken. Und wenn nach entsprechenden Angeboten Ausschau hält, wie zum Beispiel ermäßigten Gruppentickets, kann Reisen sogar unschlagbar günstig werden. Zu fünft fahren wir an einem Samstag nach Arnhem, östlich von Rotterdam gelegen und in ca. 1,5 Stunden mit dem Zug zu erreichen.

Natürlich sind wir vorbereitet: architecturguide.nl ist der beste Ratgeber, wenn es darum geht, sehenswerte Gebäude in Holland zu finden. Unsere Tour beginnt mit der Ankunft im Bahnhof: Die geschwungenen, leitenden Formen aus Sichtbeton sind aus der Feder von UN Studio. Hier leihen wir Fahrräder aus – mit der entsprechenden NS-Mitgliedskarte für erschwingliche 3,50 Euro – und radeln los. Das nächste Ziel ist die ArtEZ Kunsthochschule, wo wir uns unauffällig unter die Studierenden mischen und das Gebäude erkunden. Der Bau von 1962 wurde 2004 von Henket um die unterirdisch liegende Fakultät für Theater und Tanz erweitert. Im Stadtzentrum von Arnhem liegt die Bibliothek von Neutelings Riedijk Architects mit ihrer fast ornamental wirkenden Fassade. Ein riesiges Bücherregal ist Schaufenster und vertikale Erschließung zugleich – natürlich können wir der Versuchung nicht wiederstehen und rutschen das Geländer der gigantischen Himmelstreppe hinunter. Auf dem Markt versorgen wir uns mit einem Mittagessen und machen eine kleine Pause am Ufer des Niederrheins. Nach dieser Stärkung fahren wir vorbei an der Villa Sonsbeek von 1744 und durch den angrenzenden Wald bis zum Openlucht Museum, einem Freilichtmuseum, das das Leben in den Niederlanden vor der Zeit der industriellen Revolution zeigt. Vorbei am Stadthuis Arnhem kehren wir zum Bahnhof zurück, von wo aus wir unsere Reise nach Nijmegen fortsetzen. Wir bummeln am Museum het Valkhof und der St. Nicolaaskapel im Park entlang zum Ufer der Waal und dann durch die Gassen immer weiter zur Stevenskerk und dem Grote Markt bis zum Koningsplein. Spät am Abend machen wir uns auf den Heimweg nach Rotterdam.

Bei aller Begeisterung für die Städte und Städtchen der Umgebung, kann man schnell vergessen, dass Holland auch schöne Strände zu bieten hat. Kombinieren kann man jedoch beides, wenn man über Delft mit seinem historischen Stadtkern, vorbei an MVRDV’s Ypenburg und Den Haag mit all seinen Institutionen, wie zum Beispiel dem Internationalen Strafgerichtshof von Ingenhoven, Richtung Scheveningen zum Meer fährt. Die Strecke von 30 Kilometern kann bequem in unter 1,5 Stunden geschafft werden.

Doch was tun, wenn es bis zum nächsten Wochenende noch dauert? Bei 33 Grad Celsius im Schatten verliert selbst der coolste Arbeitsplatz an Faszination. Um 17:45 Uhr verlassen wir an diesem Donnerstag das Büro und fahren spontan und so zügig wie möglich zur Rotterdam Centraal Station. Schnell werfen wir die Fahrräder auf einen Haufen, ketten sie fest und rennen zu Gleis 1. Und dann sitzen wir im Zug – im Zug nach Hoek van Holland. 33 Minuten Fahrt und einen kleinen Fußmarsch später sind wir da: Vor uns liegt die Nordsee. Wir waten in das kühle Wasser, sitzen am Strand, beobachten die Fähren Richtung England und sehen den Sonnenuntergang. Wie gut, dass wir uns für eine Stadt entschieden haben, von der aus das Meer in so kurzer Zeit zu erreichen ist.

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