19.07.2017

Gewerbe

Wurm an Turm

von Alexander Gutzmer

Eine der kulturellen Neuerungen, die vom Großraum Los Angeles ausgingen, ist der „Ride“. Das Prinzip des Rides ist eine auf wenige Minuten begrenzte Spaßaktivität, in der Konsumenten einem bewegungsbasierten Entertainmentpaket ausgesetzt werden, selber aber im Kern passiv bleiben. Es geht um die sinnliche Aufnahme vorgeplanter Eindrücke. Urquelle des Ride ist das von Walt Disney geplante und im Jahr 1955 eröffnete Disneyland in Anaheim bei Los Angeles. Bis heute basiert das Unterhaltungsangebot in Disneyland maßgeblich auf Rides – ob nun durch die amerikanische Prärie, durch eine Sammlung piratischer Großbilder („Pirates of the Caribbeans“) oder in Achterbahntempo durch eine dunkle Sternenlandschaft („Space Mountain“). Den globalen Siegeszug des Ride-Prinzips kann man in jedem Themenpark und auf jedem Oktoberfest beobachten.

Nur konsequent ist es daher, wenn auch Gebäude in Los Angeles mit dem Prinzip des Rides konfrontiert oder, wie die Betreiber glauben, aufgewertet werden. Genau das ist jetzt am bis vor kurzem höchsten Gebäude in Downtown LA geschehen, dem US Bank Tower von Harry Cobb (Büro I.M. Pei). „Skyslide“ nennt sich das Ganze. Per Rusche an der Seite des Gebäudes bietet der neue Betreiber, OUE aus Singapur, schwindelfreien Hochhausfreunden die Gelegenheit, ein paar Meter weit mit nichts als Glas unter dem Hintern an der Außenfassade des Gebäudes entlang zu gleiten. Allerdings nur wenige Sekunden lang und auch nach oben von Plexiglas umgeben.

Übermäßig fulminant gestaltet sich die neue Gebäudeerfahrung nicht. Sie ist lustig, aber einfach auch sehr kurz. Man darf vermuten, dass Ride-Entwickler aus dem Hause Disney mehr Action in die neue Gebäude-Erfahrung hineingeplant hätten. Doch auch wenn dieser neue Hochhaus-Ride an sich eher unspektakulär daher kommt, so zeigt sich hier doch ein neues Denken im Umgang mit Hochhausarchitektur. Diese wird als Element verstanden, das unterschiedlichen Nutzergruppen „etwas bieten“ muss. Die klassischen Büromieter allein sind eben nicht die einzigen Stakeholder eines Hochhauses. Und den Nicht-Bürohengsten muss diese sich anders andienen als mit der Verfügbarmachung von Arbeitsflächen. Oder wie es Christopher Hawthorne schreibt, Architekturkritiker der Los Angeles Times: Es sei nötig „to redefine those towers in the popular imagination“.

Nun ist klar, dass die nachträgliche Installation eines wurmähnlichen Anhangs der äußeren Form des Gebäudes nicht gerade zuträglich ist. Ich gehe mal davon aus, dass die Herren Cobb und Pei wenig erfreut über diese Installation sein dürften. Welcher Architekt mag es schon, wenn seine komplex hergeleitete Form ex post mit einem solchen Spaßwurm bestückt wird? (Auch wenn der 1989 eröffnete Turm als postmodern gilt und man ihm daher eine mentale Nähe zur Erlebnisgesellschaft unterstellen könnte.)

In jedem Fall aber zeigt sich in dieser Umkonzeption des US Bank Towers die Notwendigkeit eines grundlegenderen Mentalitätswandels. Hochhausarchitektur muss künftig von vornherein anders gedacht werden. Vielfältiger in der Nutzung, mit einem Verständnis dafür, dass auch Nicht-Bewohner Anteil haben an einem Gebäude. Eben als „Stakeholder“, weswegen ich diesen ursprünglich aus der Volkswirtschaftslehre stammenden Begriff hier bewusst verwendet habe.

Für ein solches Neudenken gibt es auch originär wirtschaftliche Ursachen. Der klassische Hochhausturm funktioniert wirtschaftlich nicht mehr so glatt wie noch vor ein, zwei Jahrzehnten. Auch in der längst wieder funktionierenden US-Wirtschaft haben die Wolkenkratzer-Innenstädte mit Leerstand zu kämpfen. Gerade in Los Angeles ist das so. Beispiel US Bank Tower: Zur Eröffnung 1989 war der noch zu vier Fünfteln vermietet. Heute steht das Gebäude zur Hälfte leer. Die neuen Wachstumstreiber in den Zentren der Wissenswirtschaft sind eben nicht mehr Investmentbanken oder Anwaltskanzleien, die die Machtsprache der Wolkenkratzer schätzen – sondern demonstrativ lässige Startups-Firmen. Und die bevorzugen andere Lagen, etwa coole Lofts in alten Fabrikanlagen.

Aber – Unterhaltungsprojekte wie Skyslide allein werden noch keine neuen Wachstumsoptionen generieren können. 33 Dollar habe ich für meinen Ride bezahlt, 27 Dollar mein achtjähriger Sohn. Nicht wenig, aber bei eher überschaubarem Besucherandrang zumindest an diesem Sommerdienstag dennoch wirtschaftlich eher marginal. Aber: Einen Schritt hin zu einem anderen Umgang mit innerstädtischen Immobilien kann man in Skyslide schon sehen. Hier zeigt sich ein neues Selbstverständnis von Innenstädten insgesamt, das momentan in den USA ebenso wie in Europa um sich greift. Downtown-Gegenden werden auch in Amerika zunehmend als Orte des Wohnens gesehen, nicht als Arbeitszentren, die man um sechs Uhr abends in Richtung Suburbs verlässt. Speziell Downtown Los Angeles erlebt momentan ein faszinierendes Revival. Dabei wird plötzlich deutlich, wie viel baugeschichtliche Substanz diese an Grundfläche eher kleine Innenstadt zu bieten hat. Substanz wie das ehemalige United Artists Headquarter, das kürzlich als Hotel wiedereröffnet wurde.

Dabei macht es das pittoreske Gebäude heutigen Planern natürlich leichter als ein Bürohochhaus. Seine Geschichte ist jeder Ecke des 1927 eröffneten Gebäudes eingeschrieben. Der Stil, eine seltsame Form spanisch angehauchten Neo-Gotiktums, bietet visuell reichlich Anknüpfungspunkte für eindruckshungrige Besucher. Und einen Superlativ hat das Haus auch: wie der US Bank-Tower, war auch das Gebäude der Architekten Walker & Eisen sowie Charles Howard Crane zu seiner Eröffnung das höchste Gebäude von LA – wenn auch nur für ein Jahr.

Ob nun Rutsche oder Hotel – es ist zu erwarten, dass Downtown Los Angeles noch viele weitere Umnutzungen sehen wird. Eine Chance bietet dies für Architekten, die einen Sinn für Bauhistorie mit ökonomischem Pragmatismus verbinden. Den 50-Millionen-Dollar-Umbau des US Bank Towers realisierten übrigens Gensler. Die Skyslide selbst liegt in der Verantwortung von M. Ludvik Engineering.

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