Seeluft

 

Ein Spaziergang auf einem „pier“, der englischen Seebrücke, gehört neben Fisch & Chips, dem Pub-Abend und der „Tea Time“ zu den englischsten Erlebnissen im Großbritannien. „The pier“ ist für die meisten Untertanen der Königin Elisabeth II. eine ganz eigene Welt – ein Freizeitpark, eine Caféterrasse, eine sonntägliche Bummelstrecke – ein Ort, an dem man die Seeluft des Atlantiks, das Möwengeschrei und die strahlenden Lichter der Neonschilder genießt. Wegen seiner Rolle in der britischen Film- und Musikkultur – von „Brighton Rock“ zu „Quadrophenia“ – gilt der 1899 gebaute Brighton Palace Pier zweifellos als der bekannteste aller englischen Seebrücken. Doch diese Konstruktion sind in fast allen Städten der englischen Südküste zu finden: von Portsmouth zu Southend, von Bournemouth zu Eastbourne. Sie sind heute Bestandteil der nationalen Seekultur und prägen die Küstenlandschaften der Insel.

Ironischerweise erhielt den diesjährigen RIBA Stirling Prize – den englischsten aller Architekturpreise – eben das Umbauprojekt einer Seebrücke. Die Jury – in der unter anderem Anupama Kundoo, Peter St John von Caruso St John und Jane Hall von Assemble saßen – entschied sich für die Revitalisierung der alten, verfallenen Seebrücke von Hastings vom Londoner Büro dRMM. Die 100 Kilometer südlich von der Hauptstadt gelegene Gemeinde besitzt eines der ältesten Piers des Landes. Es war vor allem in den 1930er sehr beliebt, verfiel aber in den letzten Jahrzehnten, vor allem nach einem Brand im Jahr 2010.

Das Projekt der Londoner Architekten setzt auf die Überreste der historischen Struktur des 19. Jahrhunderts, die weitgehend saniert und verstärkt wurden. Auf einer mit Holz belegten großen Freifläche, die für vielfältige Veranstaltungen und Nutzungen zur Verfügung steht, sehen die Architekten zwei Volumen vor: ein neues Besucherzentrum inklusive Café mit offener Dachterrasse und einen viktorianischen Eingangspavillon – der einzige Teil der originalen Bausubstanz, der restauriert und gerettet werden könnte. Das versengte Holz, mit dem das gesamte Projekt verkleidet wurde, stammt aus der Ruine des alten Piers und prägt das zurückhaltende Erscheinungsbild des Projekts.

Der RIBA-Preis für ein unauffälliges, aus recyceltem Baumaterial gebauten Projekt bezeugt jedenfalls – wie viele Architekturpreise in den letzten Jahren – ein Interesse für Bauwerke, die zusammen mit der lokalen Bevölkerung entwickelt wurden und die zum Ort passen. Der Pier von Hastings ist eines davon: ein gutes Beispiel, wie Architektur ganz ohne spektakuläre Formen ein Stück Stadtidentität wiederherstellen kann.

Alle Ergebnisse des RIBA-Stirling-Preises unter www.architecture.com