Sechs Monate bei MVRDV – Mail aus Rotterdam (6)

Sechs Monate sind eine verdammt kurze Zeit. Plötzlich ist er da – der letzte Arbeitstag bei MVRDV, nicht nur für mich, sondern auch für Diana. Viel Wehmut und auch ein bisschen Traurigkeit liegen in der Luft und so sind sehr emotionale Abschiedsworte bei unserer farewell party nicht verwunderlich. Doch der Schwermut währt nicht lange: Unsere Pecha Kucha-Präsentation heizt die Stimmung schnell wieder auf. Vorgestellt werden die dreizehn coolsten und wichtigsten aktuellen Projekte in Ansatz und Ergebnis – viel lustiger jedoch sind die kuriosen Geschichten aus dem Hintergrund über aberwitzige Vorgaben, gekonntes Tricksen und bizarre Pannen. „Hamburg Innovation Port“, das Gutachterverfahren, in dem mein Team und ich gewonnen haben, vorzustellen, ist eine meiner letzten Handlungen bei MVRDV.

Doch es gilt nicht nur Kollegen und Freunden Lebewohl zu sagen – auch Holland soll mit einem letzten Trip verabschiedet werden. Nachdem es uns an einem der vergangenen Wochenenden mittels Zug, Fähre und Fahrrad auf die beschauliche Westfrieseninsel Texel verschlagen hat, steht heute Utrecht auf dem Plan. Wir verlassen Rotterdam am frühen Morgen Richtung Osten und erreichen Utrecht nach knapp einer Stunde. Mit dem Fahrrad erkunden wir das schöne Städtchen in der Mitte des Landes. Vorbei am Dom zu Utrecht, dessen Langhaus bei einem Orkan 1674 einstürzte und an dessen Stelle sich nun ein kleiner Quartiersplatz zwischen Vierung und Westturm erstreckt, zu MVRDV’s Double House; das Zweifamilienwohnhaus wurde 1997 fertiggestellt. Mit dem Rietveld- Schröder-Haus steht als nächstes eine kleine Ikone auf der Tagesordnung. 1924 erbaut, zählt das Wohnhaus zu den wichtigsten Gebäuden der niederländischen De Stijl-Bewegung mit ihrer gelb-rot- blau-weiß-schwarzen Farbgebung und wurde 2000 auf die Unesco-Liste des Welterbes aufgenommen. Wir fahren am Minnaert-Gebäude von Neutelings Riedijk und Rem Koolhaas‘ Educatorium vorbei zur neuen Universitätsbibliothek von Wiel Arets Architects. Das Gebäude, welches – vom weißen Boden abgesehen – auch von innen vollständig schwarz ist, besticht vor allem durch seine transluzente Fassade. Die verblüffende Helligkeit sorgt im Zusammenhang mit der konsequenten „Farbgebung“ für eine ruhige Atmosphäre, in der das Lernen leicht fällt – um zehn Uhr am Sonntagmorgen ist die Bibliothek nahezu bis auf den letzten Platz besetzt.

Über idyllische Feldwege und kleine Wälder machen wir uns auf den Weg zum Fort Vechten, genauer: Zum Waterliniemuseum. Die Holländische Wasserlinie war Teil der niederländischen Verteidigungslinie und durchzog das ganze Land: Im Verteidigungsfall wurden ganze Landstriche kilometerbreit ca. 50 cm hoch unter Wasser gesetzt – zu niedrig für Boote, zu tief zum Durchschreiten, zu matschig für Pferde. Im Katastrophenjahr 1672 konnten die Franzosen so erfolgreich in Schach gehalten werden. Das Museum selbst erscheint in dunklem Sichtbeton mit großen, flächenbündigen Öffnungen und stammt aus der Feder von Studio Anne Holtrop.

Am frühen Nachmittag machen wir uns mit dem Zug auf nach Hilversum. Hier gibt es vor allem das Rathaus zu sehen, dass zwischen 1928-1931 nach dem Entwurf von Willem Marinus Dudok gebaut wurde. Die kleine Gemeinde gilt jedoch auch als Medienstadt, nahezu alle wichtigen Rundfunk- und Fernsehsender haben hier ihren Sitz. Neben dem Mediacenter von Neutelings Riedijk besuchen wir zwei weitere MVRDV-Klassiker: Die Villa VPRO und NTR Headquaters, jeweils von 1997. Vor allem die Villa VPRO besticht aufgrund ihrer Materialität durch einen rauen, aber reinen Charme. Nicht verwunderlich, dass das Gebäude 1997 den Dutch Concrete Prize gewonnen hat. Der Entwurf ermöglichte dem Sender, die gewachsene Identität und den informellen Schaffensansatz, welche zweifellos mit dem vormaligen Standort in dreizehn kleinen Villen zusammenhängen, in ein modernes, effizientes Bürogebäude zu übertragen. Im Garten der Villa VPRO machen wir ein kleines Picknick zwischen Apfelbäumen und lassen den Tag entspannt ausklingen.

Zurück in Rotterdam besuche ich noch einmal alle meine Lieblingsplätze: Ich wandere durch den kleinen verwunschenen Park neben Het Park, ich sitze am Quai vor der Fenix Food Factory, ich genieße den Ausblick von der Erasmus-Brücke und besuche den kleinen Strand bei De Esch, um noch einmal in der Maas zu schwimmen.

Ich habe meine Zeit in Rotterdam, die für mich wie keine andere Zeit zuvor mit dem Begriff von Freiheit verknüpft ist, genossen. Ich habe viel gelernt, erfahren was ich noch lernen muss und bin neugierig auf das, was als nächstes kommt.

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