07.05.2020

Event

Schöner wohnen nach Corona

von Daniel Schönwitz

Illustration: Clemens Habicht


Ein Apartment an der Kö?

Die Pandemie beschleunigt einen Trend, der Wirtschaft und Gesellschaft schon länger prägt: Die Grenzen zwischen Wohnen, Arbeit und Konsum verschwimmen. Der Volkswirt und Wirtschaftsjournalist Daniel Schönwitz beleuchtet, wie das den Immobilienmarkt verändert, warum zugleich die Qualitätsansprüche steigen – und worauf sich Architekten einstellen sollten.  

Es mag unter dem Eindruck der Pandemie in Vergessenheit geraten, aber einige werden sich erinnern: Das Homeoffice erfreute sich schon vor Corona wachsender Beliebtheit. Treiber war neben der Digitalisierung vor allem der Fachkräftemangel: Wer gute Mitarbeiter finden und binden wollte, musste ihnen in den letzten Jahren immer weiter entgegenkommen.

Seit Ausbruch der Pandemie sind es nun verstärkt die Arbeitgeber, die auf Heimarbeit drängen. Und ich bin überzeugt: Das wird in vielen Fällen auch so bleiben, wenn das Gröbste überstanden ist.

Denn dank innovativer Video-, Chat- und Co-Working-Tools funktioniert Homeoffice vielerorts besser als erwartet. Zudem dürften Unternehmer auch nach Post-Corona-Zeit bestrebt sein, ihre Büros nicht zu überfrachten. Viele Arbeitgeber schreckt es deshalb nicht, dass Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) einen Rechtsanspruch auf Heimarbeit plant.

Damit nimmt ein Trend Fahrt auf, der sich bereits seit einigen Jahren abzeichnet: Die Grenzen zwischen Wohnen und Arbeiten verschwimmen – und zwar weit über das häusliche Arbeitszimmer hinaus. Das wird Wirtschaft und Gesellschaft zunehmend prägen und neben unserem Arbeitsalltag auch Städte und Immobilienmärkte tiefgreifend verändern.

So prognostiziert das Düsseldorfer Architektur- und Beratungshaus Schwitzke, dass sich die starre Trennung zwischen Wohn- und Gewerbegebieten peu à peu auflöst. In den Städten würden immer mehr „lebendige Quartiere“ entstehen, „in denen Menschen auf engem Raum wohnen, arbeiten und konsumieren“, so die Experten.

Ein wichtiger Treiber dieses Trends ist der boomende Online-Handel, der zu einem Frequenz-Rückgang in den Innenstädten führt – und Top-Lagen für viele Ladenbetreiber unerschwinglich macht. Sie weichen deshalb in Scharen in andere Stadtviertel aus, und die Corona-Krise wird auch diesen Trend deutlich beschleunigen.

Um den Aderlass auszugleichen, dürften die Eigentümer der Immobilien einen Teil der freien Flächen in hochwertige Appartements verwandeln. Zugespitzt formuliert: Modehäuser und Elektromärkte zieht es raus aus den Einkaufsstraßen – und betuchte Mieter und Wohnungskäufer rein. Der Widerstand einiger kommunale Behörden dürfte diese Entwicklung allenfalls verlangsamen.

Damit ist absehbar, dass in deutschen Städten die Zahl gemischt genutzter Gebäude wächst, in denen Menschen wohnen, arbeiten und konsumieren. Damit steigt das Interesse an Konzepten für flexible und vielseitig nutzbare Immobilien, mit denen sich Vermieter möglichst viele Optionen offenhalten – inklusive kurzfristiger Umwandlungen, etwa von Büroflächen in Wohnungen.

Schrottimmobilien vor dem Aus

Zugleich ist absehbar, dass nach der Pandemie-Erfahrung die Qualitätsansprüche steigen. Das gilt insbesondere für Wohnungen. Denn viele Menschen mussten in den letzten Wochen deutlich mehr Zeit in den eigenen vier Wänden verbringen als sonst – und haben Balkon, Terrasse oder ein eigenes Zimmer als Rückzugsort schmerzlich vermisst.

Die Frage bleibt natürlich: Wie viele Menschen können sich mehr Qualität leisten – zumal ein deutlicher Rückgang der Mieten nicht in Sicht ist (anders als bei den Immobilienpreisen)? Ich gehe davon aus, dass mittelfristig die Zahl der Menschen steigt, die allzu kleine und schlecht ausgestattete Wohnungen hinter sich lassen können.

Die Corona-Krise hat das Augenmerk auf das Thema Lohngerechtigkeit gelenkt: Schließlich waren es vor allem die Schlechtbezahlten, die den Laden am Laufen hielten – Alten- und Krankenpfleger zum Beispiel, aber auch Verkäufer, Paketboten und Reinigungskräfte. Diese Berufsgruppen haben jetzt starke Argumente, substanzielle Lohnerhöhungen durchzusetzen.

Pflegekräfte waren dabei bereits erfolgreich– und dürften zusätzliche finanzielle Spielräume nach der Krise vielfach nutzen, um schöner zu wohnen. Neben der Vielseitigkeit gewinnt also auch die Qualität von Immobilien an Bedeutung.

Hier lesen Sie die letzte Kolumne von Daniel Schönwitz: Was der Corona-Knick am Immobilienmarkt bedeutet.

Daniel Schönwitz ist Wirtschaftsjournalist, Kolumnist und Medientrainer. Der Volkswirt lebt mit seiner Familie in Düsseldorf. Folgen Sie ihm auf Twitter.

Diese Kolumne ist Teil des Homeoffice Spezial, in dem wir täglich aus dem Blickwinkel der Architektur über die wichtigsten Neuigkeiten zur Corona-Pandemie berichten.

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