Schiff am Bahnhof

 

Historisch haben in Italien immer drei Städte den Architekturdiskurs und die Architekturbewegungen angeführt und weitergebracht: Mailand, die Mitteleuropa zugewandte Stadt der Industrie und des Design, Venedig, Schaubühne der weltweit wichtigsten Architekturbiennale und Zentrum der Architekturtheorie, und Rom, führend im Bereich Bauen im Bestand und wichtig wegen seiner großen öffentlichen Bauaufträge. Seit einigen Jahren hat sich allerdings dieses Kräfteverhältnis verschoben: Mailand boomt und gewinnt ständig an Bedeutung im Bereich Architektur und Kunst. Venedig bleibt die Stadt der Biennale, ist aber gleichzeitig mit den aus den stetig immer steigenden Touristenzahlen resultierenden Problemen konfrontiert. Rom verliert wegen seiner schlechten Verwaltung und Klüngel-Politik an Bedeutung und verpasst damit die Chance für eine Stadterneuerung – die Olympische Spiele von 2024 zum Beispiel: Die Stadt war zwischen den fünf Finalisten, zog allerdings letztes Jahr wegen der Angst vor einem Athen-Effekt mit seinem finanziellen Desaster ihre Bewerbung zurück – anders als Hamburg, wo ein Referendum gegen die Veranstaltung entschied.

Einer der wenigen Orte, wo heute einige Neubauten in Rom zu sehen sind, ist das Areal rund um den Bahnhof Tiburtina. Der zweitgrößte Bahnhof der ewigen Stadt bildet einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt zwischen dem Norden und dem Süden des Landes. Der Bahnhof selbst wurde 2011 von dem römischen Büro ABDR radikal umgebaut, ein neues Stadtquartier ist nach dem Entwurf der Architekten Labics südlich des Bahnhofs entstanden, und seit kurzem wurde ein imposantes, schiffsförmiges Bürogebäude unmittelbar in der Nähe des Bahnhofs gebaut. Entworfen hat es das Genueser Architekturbüro 5+1AA ­– es stand vor der Herausforderung, einen schmalen Baugrund direkt an den Schienen mit 75.000 Quadratmeter Bürofläche zu bebauen. Ergebnis ist ein Glasgebäude mit einem länglichen Grundriss, der sich entlang der Schienen ausdehnt.

Die facettierte Glasfassade reflektiert auf vielfältige Weise die Umgebung und verändert sich stark je nach Einfall der Sonnenstrahlen im Laufe des Tages. Die Schneise im Gebäude ermöglichte die Einbindung eines denkmalgeschützten Wasserspeichers aus dem Jahr 1937 von Angiolo Mazzoni, Hauptarchitekt der italienischen Bahnhöfe und Bahngebäude während der faschistischen Epoche. Sie markiert gleichzeitig den Eingang und ein großzügiges Foyer, an das sich eine Cafeteria sowie ein Auditorium anschließt.

Das Stahltragwerk ermöglicht eine Verjüngung und Auskragung an der Südseite und lässt das Volumen dynamisch, fast futuristisch wirken – vor allem wenn man es aus dem Fenster eines Schnellzugs wahrnimmt. Im Gebäude werden in den kommenden Monaten alle bisher in der Stadt verstreuten Büros des Finanzdienstleisters BNL BNP Parisbas untergebracht. Es ist zu hoffen, dass das Areal um den Bahnhof sich als wichtiges Neubaugebiet der Stadt entwickeln wird – das Potenzial hat es auf jeden Fall.

Fotos: Luc Boegly