Kann man Sicherheit entwerfen?

 

Hätte Michael Lehmann einen Wunsch frei, würde er sich in jedes einzelne Besprechungszimmer wünschen, in dem während der üblichen Bauleitverfahren über neue Projekte diskutiert wird. Dort würde er dann darüber sprechen, wie die Eingänge von Gebäuden gestaltet sein sollten, über die Anordnung der Geh­wege, die Platzierung von Tiefgaragen und deren Beleuchtung. Und ganz wichtig: über Sichtachsen und Blickverbindungen. Lehmann ist Kriminalhauptkommissar des Landeskriminalamts Hamburg. Dort ist er in der Kriminalpolizeilichen Beratungsstelle zuständig für die Sicherheit der Bewohner. Seine Spezialität: Städtebau. Eine relativ junge Abteilung in der dortigen Polizeistruktur, die nichtsdestotrotz von enormer Wichtigkeit für Lehmann ist: „Wenn sich die Polizei an der richtigen Stelle im Bauleitverfahren einbringen kann, dann kann am Ende mehr Lebensqualität für die Menschen herauskommen.“

Lebensqualität statt Sicherheit

Der Hauptkommissar wählt seine Worte mit Bedacht: „Der übliche Sicherheitsbegriff ist zu eng gefasst. Denn die subjektive Wahrnehmung eines Menschen setzt sich aus vielen Punkten zusammen. Schon kleinere ,Verfehlungen‘, wie ein offensichtlich zurückgelassenes Fahrrad oder zu schnelle Autos in Wohngebieten, können Unwohlsein auslösen.“ Kriminalprävention setzt also an – wie der Begriff bereits vermuten lässt – bevor kriminelles Verhalten überhaupt entsteht. Die zuständigen Polizisten beugen nicht nur Einbrüchen vor, sondern verhindern auch Ordnungsstörungen im weitesten Sinne.

Geht es um die Vorbeugung von Kriminalität, spielt die Architektur für Lehmann eine wichtige Rolle: „Bauten haben durchaus Einfluss auf die Kriminalitätsstruktur.“ Für den Kriminalberater, wie er sich nennt, kann Architektur in diesem Sinn abweichendes Verhalten verstärken oder hemmen. „Was nicht bedeutet, dass Architekten befürchten müssen, dass später Mord und Todschlag herrscht, wenn sie ihr Bauprojekt jetzt auf diese oder jene Art planen“, fügt er hinzu. Für Lehmann stellen Architekten sehr wichtige Rädchen im gesamten Gefüge dar. Sie tragen jedoch selbstverständlich nicht die volle Verantwortung für die Sicherheit eines Viertels, betont er.

Neben Hamburg haben zahlreiche weitere Polizei­direktionen und Landeskriminalämter das Thema Städte­bauliche Kriminalprävention auf dem Schirm. Es gibt unzählige Leitfäden, wie sicheres Wohnen aussehen kann – und Projekte wie die „Soziale Stadt“ in Nordrhein-Westfalen oder die Sicherheitspartnerschaft im Städtebau in Niedersachsen, welche sogar ein Qualitätssiegel für sicheres Wohnen vergibt. Prävention steht in der Politik, Verwaltung und Polizei zurzeit hoch im Kurs. Zahlreiche Institutionen und Forschungseinrichtungen beschäftigen sich mit der Kriminalprävention in Städten. Sie alle sprechen von einem Grundbedürfnis der Menschen nach Sicherheit. Professor Herbert Schubert ist Sozialwissenschaftler an der TH Köln und erforscht dort städtische Sicherheits­aspekte: „Die gebaute Stadt leistet zwar einen bedeutenden Beitrag zum Sicherheitsgefühl der Bewohner, sie ist aber nicht allein dafür verantwortlich.“

Ganz anders sah man das noch vor rund 40 Jahren. 1972 entwickelte der US-Amerikaner Oscar Newman das Konzept des „Defensible Space“ – also den Einsatz von Architektur zur Sicherheitsförderung. „Damals wurden vor allem die Siedlungsformen von Großwohnsiedlungen als Verursacher für Kriminalität gebrandmarkt. „Das ging definitiv zu weit“, sagt Schubert. Die „Broken Windows“-Theorie von 1982 schlägt in eine ähnliche Kerbe und besagt, dass bereits ein zer­brochenes Fenster die Verwahrlosung ganzer Viertel nach sich ziehen kann. In den 1990er-Jahren ging man dann über zu einer positiven Raumbildung, die Sicherheit vermitteln sollte. Gemeinsam mit Architekten hat Schubert eine Checkliste erarbeitet, die konkrete Kriterien benennt, um Sicherheit herzustellen. „Das ist nicht als Regelwerk anzusehen, sondern als Empfehlungen“, betont er. Die Kriterien, die Gebäude erfüllen sollen, um ein Sicherheitsgefühl herzustellen, kreisen vor allem um das Konzept der Ordnung. Die „Arte­fakte“ – die Gebäude – sollten Lesbarkeit und Orientierung bieten, gestalterisch klar definiert sein, eindeutig angeordnet und übersichtlich. Außerdem sollten 
die Zugangsbedingungen von Eingängen und die territorialen Grenzen zwischen privat/halb-öffentlich/öffentlich klar definiert sein.

Den Entwurf überprüfen

„Diese Punkte können helfen, sich selbst im Planungsverlauf Prüffragen zu stellen und den eigenen Entwurf auf Sicherheitsaspekte zu überprüfen“, sagt Schubert. Derartige Fragen könnten so lauten: Wie ist die Orientierung im Raum? Ist eine Beschilderung notwendig? Sind die Nutzungsfunktionen so angeordnet, dass sie zur Belebung beitragen? „Es muss nicht aussehen wie Berliner Mauerbau“, betont der Sozialwissenschaftler. Im Gegenteil: Er bezeichnet Bauprojekte, die diese Kriterien erfüllen und zugleich ästhetisch ansprechend realisiert werden, als intelligente Architektur.

Dass Architekten nicht für die Sicherheit eines Viertels verantwortlich gemacht werden können, ist auch für Schubert klar. Für ihn beeinflussen weitere Dimensionen die Sicherheitswahrnehmung von Arealen. Die städtebauliche Komponente mit Verkehrsanbindung und Anordnung von Gebäuden gehöre dazu, die technische Ausstattung, das Management eines Außenraums oder die soziale Kohäsion: „Architektur kann nur begrenzt Einfluss nehmen und Hinweise geben. Dabei kann ein hohes Maß an Verantwortung entstehen – das ist aber nicht die Regel.“ Diese Verantwortung würde Kriminalhauptkommissar Lehmann nur zu gern übernehmen. Doch leider geht sein Wunsch nicht besonders oft in Erfüllung: „Die Polizei kann zwar Stellung zu Sicherheitsaspekten nehmen und hoffen, dass Architekten das Thema auf dem Schirm haben“, sagt Lehmann dazu, es gebe aber kein Sicherheitsgesetz, was das zwingend vorschreiben würde.

Daher gibt es auch keine Verpflichtung für Bauherren und Investoren, die Polizei mit einzubeziehen. „Die Architekten machen jedoch schon vieles richtig. Die moderne Bauweise zeigt sich oftmals frei und offen, sodass beispielsweise die soziale Kontrolle gegeben ist und von den Bewohnern Verantwortung übernommen werden kann“, meint Lehmann abschließend dazu. Denn das stellt den eigentlichen Kern von Sicherheit dar: Verantwortungsbewusstsein und die soziale Kontrolle durch Menschen, die Orte mit Leben füllen.