Santiago de Compostela, Hotel Moure

Die Pilgerstadt gilt nicht gerade als Hort der Moderne. Peter Eisenmans unvollendetes Projekt einer Ciudad de la Cultura vor den Toren der Stadt hat daran wenig geändert. Nun haben Ábalo + Alonso dort wenigstens ein architektenfreundliches Ambiente zum Übernachten eingerichtet.

Innerhalb der mittelalterlichen Ringstraße hatte die Stadtverwaltung stets uneingeschränkt auf Denkmalschutz gepocht, weshalb zeitgenössische Bauprojekte von vornherein zum Scheitern verurteilt sind. Das musste jetzt auch das aus Santiago stammende Architektenpaar Elisabeth Ábalo und Gonzalo Alonso erfahren, das unweit der Kathedrale ein Hotel renovierte. Die Sanierung ist zwar seit einigen Monaten abgeschlossen, aber noch immer fällt es den Ortskundigen schwer, Fremden bei der Suche nach dem neuen Hotel Moure behilflich zu sein. Tatsächlich reiht sich der Umbau unscheinbar in die Häuserreihen der Rúa Loureiros ein, und lediglich der grüne Schriftzug „Moure“ auf der gläsernen Eingangstür verrät, dass ganz offensichtlich das Ziel nach langem Herumirren erreicht ist. Ábalo und Alonso gehören zu den ganz wenigen Architekten, die Hoteleinrichtungen nicht mit Sinneseindrücken überfluten, die Gäste nicht mit einem Stilmix verwirren oder mit unnötig komplizierten Installationen ratlos machen. Im Gegenteil, die Architekten setzen ganz auf minimalistisches Interieur, entwickeln dabei Lösungen, die zugleich raumsparend und ästhetisch überzeugend sind. Sicher, das „Moure“ ist ein Design-Hotel, aber eines, das nicht durch grelle Farben oder durch verwegene Formen auf sich aufmerksam machen will.

Ábalo und Alonso geben sich am liebsten zurückhaltend: „Wir sind nicht die ersten und wir werden nicht die letzten sein, die das Gebäude verändern.“ Dabei verrät das Foyer keineswegs, dass man gerade ein Hotel betreten hat. Keine gepolsterten Clubsessel und Sofas, aber auch keine opulente Rezeption mit erwartungsvoll dreinschauendem Hotelpersonal. Nein, lediglich ein schmaler, karger Eingangsbereich mit Betonfußboden. „Bin ich jetzt wirklich hier richtig?“ Die ersten Zweifel werden schnell verscheucht, als die schwarz gekleidete Hotelangestellte aus ihrer Kombüse herauseilt und mir entgegenkommt. Sie erklärt, die Betonwände und der helle, holzgetäfelte Gang seien zwar äußerst schlicht gestaltet, dafür sei man im „Moure“ aber auf dem höchsten technischen Stand. Hotelzimmer gibt es nur 15 – aber was für welche, lauter Unikate! Sie öffnen sich nur mit einem entsprechenden Zahlencode. In meinem Zimmer, in dem unverputztes Mauerwerk mit schwarzer Betonwand abwechselt, hatte es mir der Baldachin über dem Bett angetan. Aber mehr noch die runde Badewanne, die in einem kleinen, ummauerten Patio steht. In der zweiten Nacht, bei sternenklarem Himmel, traute ich mich endlich, im Freien ein erfrischendes Bad zu nehmen. Bedauerlicherweise blieb mir in Santiago keine weitere Nacht.

Das „Moure“ ist voller Überraschungen. Eigentlich ist der Aufenthaltsraum, der direkt an den Patio und eine kleine Küche mit Ausschank grenzt, für die Frühstücksgäste reichlich beengt. Aber die weißen Metallstühle lassen sich vollkommen bündig unter die Tische schieben – und fertig ist der Kubus. Entstanden ist durch diesen kurzen Handgriff ein völlig neues Raumgefühl, das den Blick zum Patio öffnet. So viel Freude am Detail bietet kein Fünf-Sterne-Hotel.

Adresse

C/Loureiros, 6
15704 Santiago de Compostela
A Coruña
www.mourehotel.com