Kiril Ass

Wer derzeit eine Reise nach Moskau unternimmt, wird feststellen, dass sich das Land immer mehr dem Nationalen, dem Vergangenen und den Ideen alter Größe zuwendet. Wir sprachen in Moskau mit dem Architekten Kiril Ass über Stadtplanung, Architektur und Macht. Kiril Ass ist einer der freimütigsten Gesprächspartner seiner Generation. Er entwirft, lehrt und schreibt über Architektur und arbeitet im Büro von Alexander Brodsky, einem der Hauptvertreter der sowjetischen Papierarchitektur, sowie mit seiner Frau Nadya Korbut, mit der er eindrucksvolle Ausstellungen konzipiert.

Wie hat sich Moskau in den letzten Jahren gewandelt, vor allem seit Sergei Sobjanin Oberbürgermeister ist?

Kiril Ass: Anders als sein Vorgänger Juri Luschkow wurde Sobjanin 2010 von Putin eingesetzt. Luschkow wurde in mehr oder weniger freien Wahlen  von der Bevölkerung gewählt und hatte das Amt 18 Jahre inne. Er hat sich sehr für Architektur interessiert und die Stadt nachhaltig geprägt. Sojanin hingegen wurde nicht gewählt, sondern ernannt. Zu Beginn war die Politik der neuen Moskauer Regierung liberal: Neue Theater wurden eröffnet, Bibliotheken renoviert, der Gorky-Park neu gestaltet. All diese Neuerungen waren an die Person Sergei Kapkov, 2011 bis 2015 Kultusminister von Moskau, gebunden. Er war weltoffen, mit einem westlich-orientierten Politikstil. Diese Zeit könnte man als Beginn der „Hippsterisierung“ bezeichnen. Der jungen, urbanen Generation wurde eine Stimme gegeben, die Stadt und der öffentliche Raum auch für sie gestaltet.

Was hat sich verändert?

Kiril Ass: Kapkovs Nachfolger ist konservativer. Dieser Konservativismus fiel zusammen mit einem zunehmenden Patriotismus, befeuert durch die Krim-Krise und die Krise in Donezk. Auf die guten Nachrichten, die mit Kapkov einhergingen, folgten negative: Hunderte Kioske – kleine Geschäfte wurden abgerissen. Als Grund wurde angeführt, sie wären illegal, was nicht stimmte. Die Kioske waren wichtig für das öffentliche Leben. Die Stadt ersetzt sie nun durch ein seltsames „Stadtverschönerungsprogramm“.

Wie diese leuchtenden Torbögen, die zum Beispiel am Arbat herumstehen.

Kiril Ass: Genau. Ständig findet ein Festival statt. Dafür werden temporäre Objekte errichtet, obwohl Bahnhöfe und U-Bahn-Stationen eigentlich die natürlichen städtischen Knotenpunkte bilden sollten. Diese neuen Objekte hingegen stehen überall dort, wo die Verwaltung die Stadt „schöner“ machen möchte. Das meiste Grün auf den Boulevards kommt von LEDs in Form von Schmetterlingen. Wenn kleine Unternehmen geschlossen werden, stirbt die Stadt zu einem gewissen Grad. Sie ist wie ein Lebewesen, das immer die Möglichkeit haben muss, sich selbst anzupassen. Das kann nicht von oben diktiert werden.

Was ist heute anders? Wie gehen die Architekten damit um?

Kiril Ass: Die Botschaft der Sowjetunion hat sich immer um die Zukunft gedreht, während es gegenwärtig ausschließlich um die Vergangenheit geht. Es gibt bei uns keine wirkliche Idee von Zukunft. Was heute als „gute Architektur“ gilt, reicht vom Neoklassizismus über Postmoderne bis zu super-zeitgenössischen Kisten. Es gibt keinen übergeordneten formalen Konsens, Architekten werden sich selbst überlassen und haben keine starke öffentliche Stimme.

Was ist beim öffentlichen Bauen in den letzten fünf Jahren passiert?

Kiril Ass: Es gibt nicht viele öffentliche Bauaufträge in der Stadt. Die aktuelle Regierung interessiert sich nicht sonderlich dafür, sich selbst mittels Architektur zu präsentieren. Sie repräsentiert sich über Leerräume zwischen den Gebäuden, renoviert Straßen und Parks. Das städtische Leben scheint nicht mehr zu funktionieren. Dieser Mangel wird durch das Stadtverschönerungsprogramm kontrastiert. Das Ziel ist es, „Russland wieder groß zu machen“. Die Betonung liegt auf „wieder“. Es gibt keine Vorstellung von Zukunft unabhängig von vergangenen Konzepten.

Das gesamte Interview lesen Sie in Baumeister 2/17 ab Seite 16.