23.11.2020

Event

Von Streitkultur im digitalen Raum und intelligentem Design

von Ute Strimmer

Foto: Raumwelten


Sortenreinheit im NEST

Die Raumwelten 2020, Plattform für Szenografie, Architektur und Medien, fanden in diesem Jahr erstmals komplett digital statt, haben sich aber gegen die schwierigen Umstände erfolgreich behauptet.

 

 

Unter dem Claim „Raumwelten 2020 2.0 – Please Install New Spatial System Now!“ fand vergangene Woche die neunte Auflage von Raumwelten, der Plattform für Szenografie, Architektur und Medien, erstmals komplett online statt. Trotz der aktuellen Herausforderung, von einem hybriden Konzept dann doch noch schnell auf ein komplettes Online-Format umzuschwenken, waren die Raumwelten 2020 dennoch ein Erfolg. „Unsere Erwartungen sind sogar übertroffen worden“, freute sich Dieter Krauß, Geschäftsführer der Film- und Medienfestival gGmbH (FMF) im Summary Talk letzten Freitagnachmittag. „Die Teilnehmerzahl überstieg sogar leicht die der Vorjahre.“

In Live-Streams, Lectures und einer Networking-Plattform setzten sich Szenografen, Architekten, Philosophen, Medienschaffende, Digital Artists, Wirtschaftsvertreter und Politiker digital mit dem dystopischen Jahr 2020 auseinander. Wie funktioniert Kommunikation im Raum in einer (post-)pandemischen Zeit? Welche Chancen ergeben sich? Welche positiven Veränderungen bringt die Corona-Krise mit sich? Und was bedeutet das für Raum und Architektur?

Kern der Raumwelten-Konferenz waren auch in diesem Jahr wieder verschiedene Panels, die diesmal unter anderem Jean-Louis Vidière, Szenograf und Creative Director, die plot-Macherinnen Janina Poesch und Sabine Marinescu sowie die Berliner Szenografin Charlotte Tamschick vielschichtig kuratierten. „Die neue Kuratorinnen-Riege hat der Veranstaltung in diesem Jahr noch einmal einen Push gegeben“, bedankte sich der künstlerische Geschäftsführer Professor Ulrich Wegenast.

In ihrem Panel „Uploading New Formats“, das viele Fragen zu den aktuellen und noch entstehenden Begegnungs- und Vermittlungsformaten aufwarf und wichtige Frage nach der Zukunft der Messen diskutierte, wurde eifrig und auch kontrovers debattiert. „Das war eine spannende Erkenntnis: Wir haben gezeigt, dass eine Streitkultur auch im virtuellen Raum erlebbar sein kann“, berichtet Raumwelten-Kuratorin Janina Poesch. „Faszinierend, dass noch eine Stunde nach unserem Panel weiterdiskutiert wurde.“ Themen gäbe es noch viele, und dazu wird digitale Raum auch weiter genutzt, so die Kuratorin weiter. „Mir fehlen noch einige Aspekte, die wir gar nicht angerissen haben: Was wird aus dem analogen Raum? Wie werden wir Besuchererlebnisse in Zukunft wahrnehmen? Aber es gibt sicherlich Raumwelten 2021: Dort können überprüfen, was wir in diesem Jahr gelernt haben und was sich noch entwickeln wird.“

 

 

 

Tobias Wallisser, Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart (ABK) und Mitbegründer des internationalen Büro LAVA (Laboratory for Visionary Architecture), übernahm auch in diesem Jahr wieder das Architektur-Panel. Bei dem Architektur-Avantgardisten waren Experten zu Gast, die sich mit Zukunftsutopien beschäftigen aber auch schon reale Projekte umgesetzt haben. Inspirierend war der Beitrag von Professor Dirk Hebel vom Karlsruher Institut für Technologie KIT (Fachgebiet Entwerfen und nachhaltiges Bauen), der sich seit vielen Jahren mit mit dem relevanten Thema Urban Mining und Recycling auseinandersetzt. „Es ist entscheidend zu verstehen, dass die Baustoffe und Materialien, mit denen wir über Jahrzehnte operiert haben, zur Neige gehen und wir uns Gedanken darüber machen, wie wir in Zukunft überhaupt noch den Bedarf decken können“, betonte Dirk Hebel eingangs und stellte sein Projekt der Unit Urban Mining & Recycling vor. „Das ist eine kleine Einheit innerhalb eines größeren Gebäudes, das wir mit Werner Sobek und Felix Heisel konzipiert und realisiert haben; sie befindet sich in dem größeren Gebäude NEST der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt im Zürcher Vorort Dübendorf.“ Das Projekt soll beweisen, dass wir schon heute in der Lage sind, alle eingesetzten Bauteile und Materialen zu 100 Prozent wieder in einen Kreislauf zu überführen. „Das Grundprinzip sowohl der Materialfrage wie auch der Konstruktionsfragen beruht auf der Idee der Sortenreinheit“, erklärte Hebel. „Wir wählen im Endeffekt alle Details und alle Materialen so aus, dass sie nicht aus mehreren Schichten oder Materialgruppen zusammengeklebt, verschäumt oder zusammengesetzt und dadurch nicht mehr trennbar sind.“ Gutes Urban Mining beginnt also beim Design: Gebäude, Fahrzeuge oder Produkte sollten so gebaut sein, dass man die darin enthaltenen Rohstoffe zurückgewinnen kann. Es gibt viel zu tun, resümierte Tobias Wallisser in der Abschlussveranstaltung, es gibt aber auch unheimlich viele Möglichkeiten, einen positiven Beitrag zu leisten.

Tipp: Auf Video on Demand und Mediathek-Inhalte können Teilnehmer*innen noch bis zum 29. November 2020 zugreifen.

 

 

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