Radikale Nostalgie

Vor 50 Jahren veranstalte eine Gruppe von 20-jährigen Studenten der Architekturfakultät Florenz die Ausstellung „Superarchitettura“. Mit ihr entstanden Superstudio und Archizoom. Zu den Zeilen der revolutionären, lockeren und rotzigen Frische der britischen Pop-Kultur rezipierte die junge italienische Gesellschaft den Überschwang der Plug-in-Visionen der Londoner Gruppen wie Archigram um eine neue kritische Theorie zu entwickeln. Weit weg von konkreten Architekturprogrammen oder funktionalistischen Designkonzepten revolutionierten Superstudio, Archizoom, Studio65, 9999 oder Zziggurat das Verständnis von Architektur und Gesellschaft – und lösten eine besonderes kreative Phase der italienischen Kultur aus, vor allem in dem Bereich von Design und Architekturtheorie.

Obwohl die sogenannte „Radikale Architektur“ schon eine Weile her ist, revitalisiert ein bemerkenswertes Interesse an der Schöpfungen und Theorien der radikalen Architekten der 60er und 70er Jahre die Bedeutung dieser intensiven kulturellen Phase. Nach der großen im New Yorker MoMa veranstalteten Ausstellung „Italy: the new domestic Landscape“ von 1972 wurde die Radikale Architektur weltweit bekannt. Nun häufen sich wieder kulturelle Veranstaltungen, die sich ebenfalls diesem Thema widmen. So fand auch dieses Jahr im Londoner Institute of Contemporary Arts die Ausstellung „Radical Disco: Architecture and Nightlife in Italy“ statt – in derselben Zeit waren ähnliche Ausstellungen in Mailand und Turin zu besichtigen.

Abgeschlossen ist der Hype also nicht. Vor einigen Tagen hat eine neue Schau im Römischen Museum Maxxi ihre Türe eröffnet: Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Gründung thematisiert sie die Entwicklung der Gruppe Superstudio und stellt 200 Exponate (Zeichnungen, Möbel und Videomaterial) aus. Gleichzeitig beschäftig sich das Frankfurter DAM mit visionären Entwürfen von Future Systems und Archigram.

An diesem Wiederaufleben nimmt auch die Design-Welt teil. Sie entdeckt die Werke des „Radical Designs“ neu, jene Bewegung, die sich aus den ersten Architekturtheorien entwickelte und die sich gegen das Design des guten Geschmacks und die Dogmen des Funktionalismus richtete. Das Thema ist auch an der Mailänder Möbelmesse nicht vorbei gezogen: Hier war der Einfluss des Radical-Designs stark zu spüren. In deren Rahmen wurde eine Ausstellung über die in den 60er und 70er Jahren besonders aktive Firma Gufram in einer der wichtigste Kunstgalerien der Modemetropole eröffnet.

Nun stellt sich die Frage: warum? Hat das Interesse an der Radikalen Architektur damit zu tun, dass Mode einfach zurück kommt? Oder ist die Nostalgie nicht vielmehr ein Spiegel der aktuellen Lage in der europäischen Architektur- und Designwelt? Es scheint jedenfalls so, als ob die italienische Architektur- und Kunstszene gehäuft nostalgisch auf die letzten wichtigen Phasen seiner Schaffung zurückblickt, auf die radikalen Bewegungen der 70er Jahre und den Postmodernismus von Rossi und Gratis. Das geschieht nicht zuletzt, um das kulturelle Vakuum der letzten 30 Jahre zu bedecken. Der Rückzug zur der Theorie jüngerer Büros wie Baukuh oder 2A+P/A und der Trend der surrealen Collagen wie die von den Architekten Carmelo Baglivo und Beniamino Servino bezeugen nicht nur einen direkten Bezug auf die Werke der Radikalen Architektur – sondern auch einen dringenden Mangel an Bauaufträgen und konkreten beruflichen Möglichkeiten.

Einen ausführlicheren Artikel zum Thema Radikale Architektur finden Sie ab Ende Juni im Baumeister 7/2016.

Die Ausstellung „Superstudio 50“ ist im Museum Maxxi in Rom bis 4. September zu sehen.

Die Ausstellung „Zukunft von gestern – Visionäre Entwürfe von Future Systems und Archigram“ im DAM in Frankfurt finder bis 18. September statt.