Baukuh

Das Mailänder Architektur-Kollektiv Baukuh arbeitet an der Schnittstelle zwischen Praxis und Theorie in einer europäisch weit vernetzten Gruppe von Architekten. Porträt einer in der Superdutch-Ära aufgewachsenen Generation. 

Baumeister: Wofür steht „Baukuh“?
Andrea Zanderigo: Baukuh war ursprünglich Teil eines weiteren Projekts, ein Kollektiv für Architekturtheorie, das wir in einem größeren Kreis von Freunden realisieren wollten. Die Gruppe sollte sich „Bunte Kuh“ nennen, nach der Stadt des Buchs „Also sprach Zarathustra“ von Nietzsche, sie wurde aber nie verwirklicht. Nach dem Gewinn des Wettbewerbes „Europan 7“ entschieden wir dann mit dem Zusatz „Bau“ die Theoriegruppe in ein Architekturbüro zu verwandeln.

B: In den letzten zehn Jahren haben sich Architektur-Kollektive ohne Hierarchien mit zunehmendem Erfolg in ganz Europa gebildet. Kollektive gab es aber schon Ende der 60er Jahre, als Antwort auf die grundlegenden Veränderung der Gesellschaft, die durch studentische Bewegungen erforderlich geworden waren. Warum die Rückkehr zur kollektiven Arbeit?
A Z: Architektur ist immer – in Bezug auf ihren Entstehungs- und Entwurfsprozess – ein kollektives Produkt gewesen. Wir sind überzeugt, dass die Zusammenarbeit zu einer rationaleren Architektur führt: Wenn man gemeinsam entwirft, muss man einen klaren Ansatz im Kopf haben, um ihn überzeugend zu machen. Dieser Prozess steht nicht im Konflikt mit der individuellen Kreativität, die auch im Rahmen rationaler Entscheidungen herausgehen kann. Und das zeigt sich auch in unseren Gebäuden selbst.

B: Ihre intensive Auseinandersetzung mit der Theorie zeigt sich in verschiedenen Publikationen und dem Kuratieren der Zeitschrift „San Rocco“. Ich habe das Gefühl, dass Architekten gerade in Krisenzeiten intensiver der Theorie nachgehen. Warum setzen Sie sich heute so intensiv mit der Theorie auseinander?
A Z: Hier spielt zunächst eine spezielle Situation der italienischen Architekturkultur eine große Rolle: Unsere Generation hatte immer den Eindruck, in den letzten 30 Jahren habe die italienische Architektur nichts wirklich Interessantes geschaffen. Wenn man keine direkten Meister hat, wenn man sich nicht mit einer bestimmten kulturellen Umwelt identifiziert, dann muss man schließlich seine Meister und Referenzen in der Vergangenheit finden. Dafür ist es erforderlich, sich intensiv mit Theorie zu befassen. Jedoch wäre es falsch zu glauben, dass das ein italienischer Einzelfall ist: Wir haben bereits vor der Gründung unseres Büros bei jungen europäischen Architekten das Interesse an der Theorie erkannt. Sogar in Ländern wie den Niederlanden, wo mit der entscheidenden Phase des Superdutchs kein Rückgang der Bautätigkeit stattfand, wollten die jungen Architekten einmal nachdenken – mit dem Ziel, den Architekturprozess kritisch zu betrachten und neu zu definieren. Während unserer Studienzeit in den 1990er Jahren erlebten wir einen Overkill von niederländischer Baukultur, selbstverständlich zuallererst vom Werk von OMA, das uns alle so stark beeinflusst hat. Die Auswirkungen des Buchs „S,M,L,XL“ waren beeindruckend in einer Universitätswelt, die zumindest in Italien noch an Rossis Begriffe von Kontext und Typologie gebunden war. Die Koohlaas-Theorien haben sich letztendlich in unserem Fall mit der Lehre der letzten italienischen Meister vermischt: Rossi und Grassi. Im Allgemeinen denken wir, die Architektur sollte immer nicht nur auf die vorherige Generation schauen, sondern fünf, zehn, 100 oder 500 Jahren zurück.

Mehr dazu finden Sie im Baumeister 5/2016