Privater Tempel

Seit Jahren arbeitet Valerio Olgiati an dem Thema nicht-referenzielles Bauen. Darunter versteht der Schweizer Architekt eine von Vorbildern, Konventionen und politischen Bedeutungen befreite Architektur – also etwas radikal Neues, das sich nur auf sich selbst bezieht. Allerdings scheint diese angestrebte geistige Unabhängigkeit aufgrund der vielschichtigen Parameter mit denen sich Architektur auseinandersetzen muss fast unerreichbar. So wie das „Haus ohne Eigenschaften“, mit dem Oswald Mathias Ungers Mitte der Neunziger den Grad höchster Abstraktion erreichen wollte. Der Versuch scheiterte. Der höchste Abstraktionsgrad – so meinte Ungers – sei der Architektur versagt.

Jenseits der reinen Idee, muss sich Architektur seit jeher auch mit dem Ort, der Programmatik, ihrer gesellschaftlichen Bedeutung und den Ansprüchen des Bauherrn auseinandersetzen. Aus all diesen Vorgaben kann sich Olgiatis neues Wohnhaus befreien: die Villa Além in Portugal dient ihm als persönlicher Rückzugsort. Sie befindet sich in der Region Alentejo und liegt isoliert in der Landschaft. Das nächste Dorf ist circa 20 Minuten mit dem Auto entfernt. Das macht sie zum perfekten Laboratorium für seine architektonische Suche.

Das Grundstück hat sich Olgiati mit seiner Frau ganz bewusst ausgesucht. Weit weg von seinem Heimatsort Flims in Graubünden suchte er nach einem ruhigen Ort, wo er sich ein einsames Refugium bauen konnte. Entstanden ist eine Art Villa Malaparte des 21. Jahrhunderts, die trotz aller Zurückgezogenheit nur eine Autostunde vom Flughafen Lissabon entfernt liegt.

Von Außen betrachtet wirkt das Haus wie eine Festung aus Beton. Vier massive, fünf Meter hohe und nur von wenigen Öffnungen durchgebrochene Wände schirmen einen großzügigen Innenraum ab. Das Innere dieser sehr sakral anmutenden Umfassung teilt sich zu einem Drittel in Wohnhaus und zu zwei Dritteln in einen großen Garten auf. Der Garten selbst ist streng symmetrisch angelegt: ein längliches mit rötlichem Marmor verkleidetes Wasserbecken betont die Symmetrieachse, und verbindet das umliegende Tal visuell mit dem Wohnzimmer. Die Innenhöfe erinnern an arabische Architekturen, die über Jahrhunderte die iberische Halbinsel geprägt haben. Die Pflanzen sind typisch für die Region, die umliegende Mauer schützt das Haus gegen die Stürme, die vom Atlantik kommen. Die kulturellen und klimatischen Bezüge sind also vorhanden, trotz der scheinbaren Verweigerungshaltung des Architekten. Olgiatis versteckter Paradiesgarten erinnert mit seinen Kakteen und grafischen Flächen auch an die Architektur eines Luis Barrágan.

Der Wohnraum in sich weist eine bizarre Raumordnung auf. Wohnzimmer und Küche öffnen sich direkt zum Garten. Die Schlafzimmer erhalten Tageslicht von Patios, die nur über ein Oberlicht belichtet werden. Das Arbeitszimmer ist der einzige Raum im ganzen Haus, der ein Fenster nach draußen hat. Ein dunkler, gewundener Tunnel verbindet alle Räume und wird mit dem gezielten Einsatz von Tageslicht räumlich inszeniert.

In diesem fast surreal anmutenden Rückzugsort will der Architekt fast sechs Monate im Jahr wohnen und arbeiten: über das Internet ist er mit seinem Büro in der Schweiz verbunden und kann so von seinem privaten Tempel aus an seinen Projekten arbeiten. Und damit widerspricht sich Olgiati nicht nur architektonisch sondern auch philosophisch – indem er sein scheinbares Mönchtum dann doch nicht ganz durchhält.

 

Über das Projekt ist die Publikation „Valerio Olgiati: Villa Além“ erschienen. Mit einem Text von Tom Schoper, The Name Books, Chur, Oktober 2015.