03.03.2017

Portrait

Pritzker-Preis sucht nach Orientierung

von Alexander Gutzmer

Dies ist nicht einfach für mich. Schließlich laufe ich mit diesem Text Gefahr, zum Spielverderber zu avancieren. Der Pritzker-Preis wurde vergeben. Und zwar wieder für überraschende und tendenziell unbekannte Preisträger. Für Architekten, die vor allem eine bestimmte Idee repräsentieren. Dieses Mal geht es um Teamwork und die Integration von Architektur und Landschaft.

Kein Zweifel: Die Architekten von RCR sind ein interessantes Büro. Eines, das bisher mit regional bekannten Bauten in Südeuropa für Aufmerksamkeit sorgte. „Architektur in die Natur einzubinden“ ist die Devise, die Rafael Aranda, Carme Pigem und Ramon Vilalta im Interview mit dem Baumeister kürzlich zum Besten gaben.

Pritzker Preis für RCR Arquitectes: Rafael Aranda, Carme Pigem und Ramon Vilalta; Foto: Javier Lorenzo Dominguez
Weingut Bell–Lloc; Foto: Hisao Suzuki
El Petit Comte Kindergarten; Foto: Hisao Suzuki
Les Cols Restaurant Marquee; Foto: Hisao Suzuki
Soulages Museum; Foto: Hisao Suzuki

Das alles ist gut und diskussionswürdig. Aber rechtfertigt es den Pritzker-Preis? Was ist die Funktion dieses Preises? Das ist die eigentlich spannende Frage. Geht es der Jury darum, jeweils eine bestimmte Facette architektonischen Schaffens zu betonen, dann ist die Entscheidung nachvollziehbar. Will man etwa vor allem den Wert des kontemplativen Umkreisens landschaftlicher Begebenheiten und die Beschäftigung mit Materialien hervorheben, dann macht die Preisvergabe Sinn. Und geht es um die architektonische Praxis als Teamarbeit, dann ist es logisch, nicht einen einzelnen Heroen zu prämieren, sondern eine Kollaboration aus drei gleichberechtigten Architekten.

Aber reicht das? Die Juroren handeln dann wie Blattmacher von Architekturmagazinen. Wie wir vom Baumeister, die wir in unserer Februar-Ausgabe RCR in unserer Rubrik „Köpfe“ vorgestellt haben. Die Pritzker-Verantwortlichen generieren politisch erklärbare Entscheidungen. Und sie wollen überraschen. Beides ist aller Ehren wert und natürlich auch populär. Zumal in Zeiten, in denen jeder Architekturstudent zweiten Semesters die Binse vom „Ende der Star-Architekten“ hersagen kann (und das auch tut). Aber beides könnte, auf lange Sicht, dem Preis seine Wegweiser-Funktion nehmen. Ein „Nobelpreis für Architektur“ geht eben anders. Er kürt keine womöglich sinnvollen oder wichtigen Ideen, sondern prämiert auch einen realen Einfluss. Er zeichnet jene aus, die mit ihren (konzeptionellen wie praktischen) Arbeiten unsere architektonische Gegenwart, den Diskurs wie die Praxis, bereits entscheidend geprägt haben. Und das können RCR, bei aller Sympathie für die architektonischen Ansätze des Büros, nicht von sich sagen. Der Preis läuft Gefahr, zu einer Art Oberseminar für sozial engagierte Debatten-Impulse zu transformieren. Eine solche Preispolitik ist gut gemeint und mag auch gut gemacht sein. Aber sie bleibt eben am Ende womöglich ein wenig wirkungslos.

Letztlich erwarten wir vom Pritzker-Preis doch auch eine Antwort auf die Frage: Wer baut eigentlich maßgeblich unsere Städte, wer entwickelt sie weiter? Wer verwirklicht die – und ja, darauf kommt es auch an, aller wohlfeilen Lobpreisung des Kleinen zum Trotz – großen und bedeutenden Bauten unserer Gegenwart? Und wie geht die Pritzker-Jury mit ihnen um? Mit, um nur mal einen Namen zu nennen, den Bjarke Ingels’ dieser Welt?

Vielleicht ist es auch einfach so: Der Preis wird zu häufig verliehen. Jedes Jahr ein neuer Preisträger, das verleitet womöglich zur Freude an kleinen, gewitzten, aber irgendwie auch nicht an einer ganz großen Linie orientierten Entscheidungen. Was soll’s, lasst uns jemand Unbekanntes küren, ist doch nett, und nächstes Jahr gibt es ja schon wieder einen Preis. Also: Wie wäre es damit, den Preis nur noch alle drei Jahre zu verleihen? Das gäbe der einzelnen Entscheidung ein höheres Gewicht – was vielleicht nicht verkehrt wäre.

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