Pritzker-Preis 2020 an Yvonne Farrell und Shelley McNamara verliehen

Der Pritzker-Preis für Architektur 2020 ist an die irischen Architektinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara verliehen worden. Damit steigt auch die Zahl der weiblichen Preisträgerinnen auf fünf von insgesamt 48. Der mit 100.000 Dollar dotierte Preis ist die weltweit wichtigste Auszeichnung der Branche. 

„Architektur“, sagt Yvonne Farrell, „könnte als eine der komplexesten und wichtigsten kulturellen Aktivitäten auf diesem Planeten beschrieben werden.“ Die Worte der Pritzker-Preisträgerin sind groß, und groß sind auch ihre Ideen. Seit 1978 führt Farrell gemeinsam mit Shelley McNamara das Büro Grafton Architects in Irlands Hauptstadt Dublin, seit jeher glauben die beiden an die integrale Bedeutung von Architektur in Umwelt und Kultur, daran, dass Architektur aller Statik zum Trotz Menschen und Umgebung bewegen kann – und soll.

Als ein „räumliches Phänomen“ nämlich bezeichnet Farrell die Kunst und das Handwerk ihres Berufs, umso geehrter fühle sie sich durch die Auszeichnung mit dem Pritzker-Preis, der erstmals 1979 verliehen wurde und dessen Preisträger Namen wie Norman Foster, Rem Kohlhaas und Gottfried Böhm tragen. Damit wird zugleich deutlich, wie rar bislang Frauen an der Spitze der Geschichte des Pritzker-Preises standen. Die Zeit war und ist überreif für die Ehrung genialischer Baumeisterinnen.

Großzügigkeit, Engagement, Verantwortung

Schon mehrfach wurde das Duo für seine Arbeit ausgezeichnet, jüngst mit der Royal Gold Medal 2020, der höchsten Auszeichnung für Architektur in Großbritannien. 2018 kuratierten Farrell und McNamara die Biennale in Venedig. Sie treten wie immer schon als schlaues wie bescheidenes Gespann auf, sehr wohl bewusst darüber, dass prächtige wie funktionale Gebäude in den Köpfen zweier Frauen entstehen und wachsen können, sie aber hoffnungslos verloren wären, gäbe es kein Team, das dieses Wachsen und Entstehen vollenden und umsetzen könnte.

Diese Arbeitsweise hob die Jury in ihrer Begründung hervor. Sie sprach ihr Lob für ihre Großzügigkeit gegenüber Kollegen aus, ihr unnachgiebiges Engagement, exzellente Architektur zu schaffen und gleichzeitig Gegebenheiten der Umwelt und Natur verantwortungsvoll zu berücksichtigen, ihre Fähigkeit, sowohl kosmopolitisch zu denken, als auch die Individualität jedes einzelnen Gebäudes und Ortes zu achten.

Mensch, Gebäude und Natur auf drei Ebenen

Die beiden Grafton-Architektinnen, die auch unterrichten, sind stets auf der Suche nach einer Beziehung, wenn nicht gar Symbiose von Mensch, Umwelt und Gebäude. Sie wollen Lösungen finden, um alle drei Entitäten zu integrieren – und das gelingt ihnen auch. Massive Betonkonstruktionen wie das Universitätsgebäude Luigi Bocconi in Mailand wirken neben putzig vorbei tuckernden Straßenbahnen in der Mailänder Innenstadt nicht monströs oder fehlsituiert, sondern erstaunlich abgewogen platziert.

Dasselbe gilt für den Campus der UTEC Universität Lima in Peru. Palmen umsäumen den futuristisch anmutenden Gebäudekomplex, seine Innenräume sind ein verwoben geometrisches Labyrinth. Architektur wird hier zur Skulptur, ohne ihren Zweck zu verlieren, eine Art blendend weißer Fels im Straßenverkehr. Hinter ihm liegen die Bergketten. Mensch, Gebäude und Natur sind auf drei Ebenen gestaffelt. Wie in einem wohl komponierten Gemälde.