Perle mit Unregelmäßigkeiten

Ausgerechnet am Rand eines Schulhofs sollte in der Pariser Vorstadt Versailles ein Konservatorium für Tanz und Musik entstehen – trotz der ungünstigen Lage ein Bau von „regionaler Bedeutung“. Souverän schufen die Architekten einen Ort der Ruhe und Ordnung, der verbindet.

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Fotos: Schnepp Renou
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Versailles hat sich zu einer Vorstadtgemeinde entwickelt. Im Schatten des berühmten Schlosses erstreckt sich eine verkannte Stadt, die über ihren barocken Kern hinaus als heterogenes Gefüge weiter gewachsen ist. Zentrale Verkehrsader ist die Avenue de Paris; sie ist auch die Hauptzufahrt zur Place d’Armes – dem Platz, der auf den Marmorhof des Schlosses ausgerichtet ist. Entlang dieser Achse lässt sich die Stadtentwicklung gut nachvollziehen: Dem Plan im Sinne einer Idealstadt als Abbild der absolutistischen Monarchie folgen noble Fassaden aus dem 18. Jahrhundert, dann aber Artdéco- und 1950er-Jahre-Bauten. Der Ordnung folgt also Unordnung.

Konservatorium von regionaler Bedeutung

Inmitten dieser altneuen Struktur liegt das neue Tanz- und Musikzentrum von Versailles in einer kleinen Seitenstraße, die orthogonal zur Avenue de Paris verläuft. Das Architektenduo Joly & Loiret gewann 2013 den Wettbewerb für den Neubau, und die Aufgabe bestand darin, ein „Konservatorium von regionaler Bedeutung“ zu entwerfen. Ungewöhnlich für eine öffentliche Einrichtung ist dabei das Grundstück: Bei der Parzelle handelt es sich um einen Grundschulhof, der im Schatten eines Häuserblocks liegt – nicht gerade ein attraktiver Bauplatz. Noch dazu sollte der Neubau als Erweiterung der Lully-Vauban-Schule eine festgelegte Zahl Klassen- und Proberäume in das Raumprogramm integrieren.

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Zunächst erforderten die unterschiedlichen Bautypen in der Nachbarschaft die Entscheidung für eine Figur, die sich in die Umgebung einfügt. Es ging darum, angesichts der geforderten Verdichtung des Blocks Klarheit zu bewahren – und der Formenvielfalt mit Ruhe zu begegnen. Daher sind auch die Fassaden neutral gestaltet: Weiße, in Handarbeit gefertigte Ziegel werden von glasierten Dachziegeln im selben Farbton ergänzt.

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Asymmetrie und Orientierung

„Für den Wettbewerb hatten wir eine symmetrische Lösung vorgeschlagen“, erinnert sich Paul-Emmanuel Loiret. Die Jury fand den Entwurf in seiner Kohärenz überzeugend und wählte ihn unter den Teilnehmern aus. „Später haben wir das Projekt dann weiterentwickelt, nicht zuletzt, da wir uns mit den zukünftigen Nutzern unterhalten haben.“ Nach dem Austausch mit Lehrern und Leitern der Schule statteten Joly & Loiret unter anderem der Opéra Garnier in Paris und dem Conservatoire Léo Delibes in Clichy (entworfen von Bernard Desmoulin) einen Besuch ab. Daraus ergab sich ein wesentliches Merkmal des Entwurfs: „Wir haben durch die Gespräche verstanden, dass Tänzer sich besser orientieren, wenn es keine räumliche Symmetrie gibt.“

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Aus dem Französischen von Michael Wachholz

Den gesamten Artikel finden Sie im Baumeister 03/2017