Operndorf in Afrika

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Der Regisseur Christoph Schlingensief hatte eine Vision: Ein Opernhaus in Burkina Faso. Warum aber baut man in einem der ärmsten Länder der Welt ausgerechnet ein Opernhaus? Weil ein Kunstprojekt dabei hilft, die kulturelle Identität einer Gruppe zu formen, findet Schlingensief. Burkina Faso ist – was die Wenigsten wissen werden – das Zentrum des afrikanischen Films und Theaters. Künstlerische Entfaltung in dem ohnehin schon kunstaffinen Burkina Faso zu fördern, ist damit sinnvolle Entwicklungshilfe. Umgesetzt wird das Vorhaben durch Francis Kéré, einem in Deutschland lebende Architekten, der in Burkina Faso geboren wurde und dort bereits mehrere Projekte realisiert hat.

Operndorf_Hans_Georg_Gaul_Baumeister

Auf Grund einer Überschwemmung im Jahr 2009 wurde Schlingensief und Kéré jedoch bewusst, dass die Erbauung des Opernhauses nicht ihr alleiniges Ziel sein durfte. Die Naturkatastrophe hatte vielen Einwohnern Burkina Fasos in nur wenigen Stunden alle Besitztümer geraubt. Und so wurde aus dem Opernhaus ein ganzes Operndorf. Kéré entwarf eigens für das Projekt nach Maßgabe der örtlichen Möglichkeiten und Notwendigkeiten spezielle Gebäudemodule, die eine langfristige und vielseitige Nutzung garantieren. Dank einer von dem Architekten entwickelten Klimatechnik kann trotz Temperaturen von 40°C im Schatten in den meisten Räumen auf Klimaanlagen verzichtet werden. Durch die massiven Wände und den großen Dachüberstand lässt sich im Innern der Gebäude bei 25°C gut arbeiten und wohnen. Als Wasserquelle dient eine Wasserader in 42 Metern Tiefe. Seit Oktober 2011 ist das Operndorf auch an das öffentliche Wassernetz angeschlossen. Gebaut wird mit lokalen Materialien wie Lehm und Holz. Die Einwohner werden sowohl in die Planung als auch den Bau der Gebäude integriert, indem ihre Wünsche berücksichtigt werden und sie als Bauarbeiter Beschäftigung finden.

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2011 wurde als erstes Gebäude die Schule eingeweiht. Bereits fertiggestellt ist außerdem ein Sportplatz, verschiedene Funktionsmodule wie Werkstätten sowie die Medienmodule, die unter anderem ein Fotostudio und ein Minikino beherbergen. Die Mensa ist in Betrieb gegangen und die Wohnhäuser wurden von den Lehrern und dem Hausmeister bezogen. Am 7. Juni wird die Krankenstation – ein existentieller Bestandteil des Operndorfs – eröffnet. Weitere Projektteile befinden sich noch im Bau. Zentrum des Operndorfes wird das Festspielhaus sein, das wie ein Marktplatz als Ort der Begegnung und des Austausches für Menschen unterschiedlicher kultureller und familiärer Hintergründe gedacht ist. Mit dem Bau des Festspielhauses wird auch Schlingensiefs ursprüngliche Vision eines Opernhauses verwirklicht werden – Entwicklungshilfe mal anders.

Modellfoto: Hans Georg Gaul