Museum in Colorado von Diller, Scofidio + Renfro

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Foto: Jason O'Rear

 

Ein neuer Museumsbau des New Yorker Architekturbüros Diller, Scofidio + Renfro feiert Olympioniken mit und ohne Handicap. Weil das Ausstellungsgebäude für alle zugänglich sein sollte, spielte Barrierefreiheit beim Entwurf eine Hauptrolle.

Zuweilen erscheint Architektur als ein Kommentar zu einem Ort oder zu einer Zeit. Das „U.S. Olympic and Paralympic Museum“ in Colorado Springs ist so ein Fall. Das neue Ausstellungsgebäude, entworfen von Diller, Scofidio + Renfro, feiert Inklusion und Teilhabe an einem Ort, der als einer der konservativsten und evangelikalsten im ganzen Land gilt – und das in einer Zeit, in der die Regierung der Vereinigten Staaten beständig versucht, die Forderung nach Gleichbehandlung unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen beharrlich zu ignorieren.

Für alle zugänglich

Barrierefreiheit war dann auch entwurfsleitend bei der Gestaltung des fünfeinhalbtausend Quadratmeter großen Gebäudes. Dabei griff man auf ein Grundrisskonzept zurück, das sich in seiner Urform bei Frank Lloyd Wrights Guggenheim-Museum findet: den spiralförmig um ein Atrium angeordneten Ausstellungsparcours, dem der Besucher am obersten Punkt beginnend in die Tiefe folgt. In Colorado Springs sind die zwölf Galerieräume durch sanft geneigte Rampen verbunden, die ermöglichen, dass Menschen mit und ohne Handicap gemeinsam den Rundgang absolvieren können. Architekten und Ausstellungsmacher haben bei der Erarbeitung dieses Konzepts frühzeitig paralympische Athleten in den Planungsprozess miteinbezogen. Ihre Beteiligung führte unter anderem dazu, dass die Rampen verbreitert wurden, damit eine Person mit und eine ohne Rollstuhl bequem nebeneinanderher laufen können. Ein weiteres Gestaltungsdetail, das der Barrierefreiheit dient, sind beispielsweise die gläsernen Geländer zum Atrium. Sie ermöglichen auch dann den Blick von den Galerien in den Zentralraum, wenn man sich auf Augenhöhe eines Rollstuhlfahrers befindet. Der glatte Boden, der im Gebäude verlegt wurde, besitzt einen extrem niedrigen Rollwiderstand. Für das Café, das im Erdgeschoss untergebracht ist, wurden Stühle ausgewählt, die leicht bewegt oder entfernt werden können.

Durch die Augen der Athleten

Die Szenographie des Museums entwickelten Gallagher & Associates als interaktives Erlebnis, dass den Besucher in die Faszination und Geschwindigkeit des Leistungssports hineinziehen soll. Leitgedanke ist es, den Zuschauer zum Handelnden werden zu lassen, der Training, Wettkampf und Sieg durch die Augen des Athleten erlebt. Der Besucher soll dabei zugleich die Leidenschaft, Hingabe und Opferbereitschaft verstehen, die alle Olympioniken und Paralympioniken miteinander teilen. So gibt es die Möglichkeit, virtuell Bogenschießen zu üben, in einem 360-Grad-Kino eine olympische Eröffnungsfeier aus der Teilnehmerperspektive zu sehen oder im „Lab“-Bereich zu erfahren, welche technologischen Meisterleistungen Siege oft erst ermöglichen. Am Ende des Rundganges thematisiert die Ausstellung den Einfluss und die Bedeutung der Olympischen Spiele auf die heutige Alltagskultur und den sportlichen Wettbewerb als menschen- und völkerverbindendes Element.

Silberne Blätter falten sich um den Baukörper

Von außen bestimmt die silbrig glänzende Gebäudehaut das Aussehen des U.S. Olympic and Paralympic Museum. Sie ist aus über 9.000 rautenförmigen, eloxierten Aluminiumpaneelen zusammengesetzt. Die Architekten haben gewaltige silberne „Blätter“, je Gebäudeseite eines, über den Baukörper gefaltet, die sich im Dachbereich überschneiden. Aus der Luft ergibt sich so die Form eines Spielzeugwindrades, das um ein Zentrum kreist. Damit verweist das Äußere des Baus auf die spiralförmig angeordneten Galerien im Inneren. Gleichzeitig verleiht die Form dem Museumsgebäude eine spannungsreiche Dynamik – höchst passend für einen Bau, der die Athletik zelebriert. Jedes Detail der Gestaltung sei inspiriert von der Kraft und dem Anmut der Olympioniken und Paralympioniken, erklärt dann auch Benjamin Gilmartin, Partner bei Diller, Scofidio + Renfro. An den Seitenkanten des Gebäudes öffnen sich schmalere oder breitere Fensterspalten zwischen den vier Blättern und lassen Licht in den Innenraum fallen. Im Sockelbereich scheinen die Blätter hinter eine geschwungene Glasfassade zurückzuweichen, die den Eingangsbereich des Museums markiert. Um das Volumen des 120 Quadratmeter großen Veranstaltungssaals im Obergeschoss scheint eines der silbernen Fassadenblätter dagegen regelrecht herumgefaltet. Die Stirnfläche des Raums wurde dabei freigelassen. Sie ist in eine Fensterwand aufgelöst, die einen Panoramablick auf die Rocky Mountains freigibt.

Natürlich entstand das U.S. Olympic and Paralympic Museum nicht als Zeichen gegen die zahlreichen evangelikalen und erzkonservativen Großkirchen in Colorado Springs. Es entstand dort, weil die Gemeinde der Sitz des nationalen olympischen und paralympischen Komitees der USA und Standort zahlreicher Leistungszentren ist. Die Stadt schmückt sich deshalb übrigens auch mit dem Beinamen „Olympic City USA“. Den Architekturwettbewerb um die Errichtung des Museums gewannen Diller, Scofidio + Renfro bereits 2014, zwei Jahre vor der Wahl der jetzigen Regierung. Das ändert aber nichts daran, dass der Bau ein Signal aussendet: für Integration, für Inklusion und für Gleichberechtigung. Und dass er unterschiedslos die Höchstleistungen aller sporttreibenden Menschen ehren will – egal ob mit oder ohne Handicap.