Die alte Visage der Spaßgesellschaft

Sie bauen schon wieder auf der Münchner Theresienwiese. Das nächste Oktoberfest kommt – und mit ihm wieder die Gelegenheit für ganz München, Deutschland oder Europa, sich anlassbezogen so richtig daneben zu benehmen. Die zwei Wochen Bechern, Brettern und Blöken bilden eben immer auch ein gesellschaftliches Ventil. Überschüssige Energien, Emotionen, Frustrationen müssen raus. Und das geht ganz gut, indem man sie mit viel Bier einfach herausspült.

Doch das Münchner Massenspektakel hat auch eine ornamentale Komponente. Die kitzelt eine aktuelle Ausstellung in der Architekturgalerie München heraus. Der Architekturfotograf Rainer Viertlböck hat sich die Feste 2015 und 2015 vorgenommen und mit Hochstativ, Kran und Drohne dokumentiert. Ihm kommt es vor allem auf die temporären Architekturen der Achterbahnen, Karussells und großen Zelte an. Wir sehen letztlich die Infrastruktur des Megaevents – und, bezogen auf die Fahrgeschäfte, die Logistik extrem schneller, aber eben immer auch streng organisierter Bewegungen. Hierzu dienen ganz praktisch auch die Modelle von Fahrattraktionen, die das Münchner Ingenieurbüro Stengel beigesteuert hat.

Viertlböck kitzelt das Strukturelle, das Gestaltete, Symmetrische, auch Ästhetische aus dem Oktoberfest heraus. Er ist eben ein Architekturfotograf. Das macht den Ausstellungsbesuch angenehm, führt aber auch dazu, dass der Blick immer ein distanzierter bleibt. Wir sehen die Architektur des Brachialereignisses, aber letztlich nicht das Ereignis selbst. Rainer Viertlböck ist eben kein Martin Parr.

Was freilich nicht bedeutet, dass die Aufnahmen aussagelose Ästhetik präsentierten. Viertlböcks Architekturbilder haben eine Aussage – und zwar die einer ganz eigentümlichen Melancholie. Die Bauten der Ekstase sind eben keine ekstatische Architektur, sondern letztlich ziemlich banale Zweckkonstruktionen. Und sie verbreiten eine Aura des Vergänglichen. Hier werden räumliche Kurzfrist-Happenings inszeniert, ob nun die drei Minuten in der Wilden Maus oder die drei Stunden im Zelt.

Die Wilde Maus übrigens ist das letzte komplett neu eingeführte Fahrgeschäft – und zwar aus dem Jahr 1994. Das heißt: Seit über 20 Jahren sind keine neuen Fahrattraktionen hinzugekommen. Die Highlights des organisierten Rummels sind also alt. Abstrakter formuliert, ist auch die Idee des Fun-Festes insgesamt keine neue mehr. Wir blicken hier nicht mehr die „neue Welt des Spaßterrors“ an, wie Baudrillard hätte schreiben können (ob er jemals auf dem Oktoberfest war, ist nicht überliefert). Wie blicken in die alte, verlebte Visage der Event-Gesellschaft. Insofern hat auch der Akt der Transgression, den man auf der Wiesn vollführen kann, etwas Nostalgisches, Überkommenes, irgendwie Gestriges.

Oktoberfest Rainer Viertlböck
18.08.2016 bis 20.09.2016
Architekturgalerie München