Auf den Spuren von Hugh Maaskant – Mail aus Rotterdam (3)

MVRDV zieht um. Nach über 13 Jahren in der Dunantstraat 10, einem ehemaligen Fabrikgebäude im historischen Stadtteil Delfshaven, lautet die neue Adresse ganz in der Nähe der Markthalle ab dem 16. Juni 2016 Achterklooster 7. Nachdem MVRDV in den letzten Jahren auf über 140 Mitarbeiter angewachsen ist, wurde der Umzug in neue Räumlichkeiten mit neuer Struktur und Organisation notwendig. Und alle werden in den Umzug miteinbezogen: Vom gemeinsamen „Cleaning‐Day“, an dem verschiedenen Taskgroups sich verschiedene Teile des alten Büros vornehmen, über den gemeinsamen „Moving Day“, an dem wir die persönlichen Sachen zur neuen Adrese bringen bis hin zur anschliessenden Party im Garten des neues Büros. MVRDV versteht sich als Familie und durch diese gemeinschaftlichen Aufgaben soll gewährleistet werden, dass sich alle als Teil dieser Familie fühlen.

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Foto: Marcus Schwan_Flickr

 

Das neue MVRDV House im Hof von het Industriegebouw am Goudsesingel ist allerdings keinesfalls ein Neubau. Die ehemalige Werkstatt mit industriellem Charme, entworfen von Architekt Hugh Maaskant (1907‐1977), war eines der ersten Gebäude in Rotterdam, die nach dem Zweiten Weltkrieg fertiggestellt wurden. Dem Geist der Zeit folgend enthielt der Gebäudekomlex vor allem Räumlichkeiten, die von kleineren Unternehmen gemietet werden konnten, Ladenlokale und eine Kantine. Mit viel Fingerspitzengefühl hat sich das interne MVRDV House‐Team der Umgestaltung gewidmet. Michelle Provoost, Mitbegründerin des Büros Crimson, welches sich vor allem mit Architekturgeschichte befasst, wurde von Jan Knikker eingeladen, eine Vorlesung über Maaskant und seine Arbeit zu halten, um der MVRDV‐Familie die Bedeutung der Arbeit Maaskants und damit auch der neuen Adresse näherzubringen.

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Hugh Maaskant war ein Architekt des Fortschritts, dem der Optimismus und die Aufbruchsstimmung der Nachkriegszeit die Freiheit gaben, Bauten nach seinem Verständnis von zeitgenössischer Architektur zu realisieren. Er experimentierte vor allem mit Beton in Verbindung mit Ziegelstein, dem so genannten handshake‐Stil. Seine Gebäude sind streng, fast repetitiv, doch formal perfekt und eigenwillig. Der Sozialdemokrat Maaskant war überzeugt, dass Architektur keinen unmittelbaren Einfluss auf sozialen Fortschritt hat, sie also nur in Abhängigkeut zur übrigen Gesellschaft zu verstehen ist, deren Wandel wiederrum ausschließlich politisch umsetzbar ist. Nicht wenige seiner Zeitgenossen warfen ihm vor, mit dieser Haltung die sozialen Ideale der Moderne verraten zu haben. Erst Ende der 1980er Jahre wurde Maaskant wieder populär, als die neue Generation der Architekten um Winy Maas ihn als Vorbild entdeckte.

Grund genug, Maaskant und seine Bauwerke genauer unter die Lupe zu nehmen. Neben dem neuen Bürogebäude am Goudsesingel finden sich rund um Rotterdam‘s Centraal Station Bauwerke von Maaskant. So zum Beispiel das Hilton Hotel Rotterdam (1960‐1964) oder der „School Complex Technikon, Hofplein Theatre“ (1955‐1970). Letzteres besteht zum Teil aus einem Turm, in dem elf Sporthallen inklusive Schwimmbad übereinander gestapelt wurden. Auch Neutelings Riedijk, West 8 und OMA haben sich in Gebäuden von Maaskant rund um das Rotterdamer Zentrum niedergelassen.

Die Fahrt nach Utrecht mit dem Zug dauert von Rotterdam aus keine 40 Minuten. Hier gilt es vor allem das expressive Bürogebäude von Johnson‐Wax zu sehen (1964‐1966). Das Gebäude, aufgrund seiner Form auch bekannt als boomerang building, beinhaltet neben einer kleinen Produktion und grossen Lagerflächen vor allem Büroräume. Johnson Sr., der ein Freund und Förderer Frank Llyod Wrights war, lies Maaskant freie Hand. Mit seiner reinen Ästhetik, erhaben über einem kleinen See, kann der gesamte Entwurf mehr als Skulptur denn als Gebäude betrachtet werden.

Mein Ausflug endet in Rotterdam. Gleich neben der Centraal Station liegt Maaskant’s Groothandelsgebouw (1945‐1949), dessen Dach man im letzten Monat noch über die temporäre Installation „The Stair“, ebenfalls von MVRDV, erreichen konnte. Rotterdam war, ist und bleibt eben eine Stadt der Architektur.

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