Haus – Stall – Scheune: Die neue Bücherei in Gundelsheim

Seit dem Spätsommer 2020 belebt die neue Bücherei in Gundelsheim die Ortsmitte. Schlicht Lamprecht Architekten aus Schweinfurt ist es mit einem behutsamen Umbau und einem ergänzenden Neubau aus Holz gelungen, ein ortsbildprägendes Bauernhaus mit Stall aus dem 19. Jahrhundert in ein vielseitiges Zentrum für die oberfränkische Gemeinde zu verwandeln.

Denn nicht nur eine Medienausleihe, sondern einen Ort der Begegnung und Weiterbildung, „einen Kulturort und eine Integrationsschmiede“ zu schaffen, war der Wunsch des Bürgermeisters Jonas Merzbacher als Standort für die neue Bücherei in Gundelsheim. Mit zeitgemäßer Architektur, die sich gleichsam in die gegebene Gestalt und Struktur der Umgebung einfügt.

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Das Spiel mit Vertrautem und Gewohntem

Giebelständig zur Straße reiht sich das historische Bauernhaus hier am Leitenbach in die Nachbarbebauung ein. Mit ihrem Entwurf für die Bücherei greifen Schlicht Lamprecht Architekten die Maßstäblichkeit und Körnung des Ortbilds auf und schreiben sie wie selbstverständlich fort: Der „vertraute Dreiklang“, wie die Architekten es bezeichnen, die Abfolge „Haus – Stall – Scheune“ des typisch fränkischen Hofes, war für sie für die neue Bücherei in Gundelsheim entwurfsbestimmend. Mit ihrem ergänzenden Neubau stellen sie diese historische dreiteilige Struktur wieder her, nachdem die Scheune bereits seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr existiert.

Dieser neue Doppelgiebelbau „schiebt“ sich gleichsam über den alten Stall, der Ausgangspunkt für das „Haus in Haus“-Thema, das sich als roter Faden durch den Entwurf zieht – gestalterisch wie konstruktiv. Auf rund 300 Quadratmetern sind zusammenhängend erlebbare, aber dennoch einzelne Bereiche entstanden, Altes verwebt sich mit Neuem.

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Die „neue Scheune“ ist nicht nur Eingangs- und Servicebereich, der lichtdurchflutete Raum bis unter den Giebel ist dank mobiler Regale flexibel nutzbar. Daran angrenzend im „alten Stall“ mit seiner Preußischen Kappendecke werden die Literaten präsentiert, darüber befindet sich eine kleine Galerie, die einzige zweite Ebene im Gebäude und als Rückzugsmöglichkeit für die Jugendlichen oder zum konzentrierten Arbeiten gedacht. Vom alten Stall aus führt der Weg in das ehemalige Wohnhaus. Raumbestimmend ist das Haus im Haus, das die Besuchenden empfängt. Hier übernimmt das Volumen auch eine tragende Funktion: die Stahlrahmenkonstruktion wirkt als ein aussteifender Kern im Bestandsgebäude.
Auch die Materialien erinnern an gewohnte Oberflächen: Die Farben des Terrazzobodens an einfachen Nutzboden, an Stampflehmboden. Das gebürstete Fichtenholzoberflächen der Einbauten an rohes Holz, die geschlämmten Wände im Stall ergänzen das vertraute Bild.

Modellprojekt für Innenentwicklung

Die neue Bücherei in Gundelsheim ist ein herausragendes Beispiel dafür, dass baukultureller Anspruch und die Umsetzung qualitativ hochwertiger Architektur auch jenseits der Ballungszentren möglich sind. Im Rahmen des Bund-Länderprogramms der Städtebauförderung „Stadt- und Ortsteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die soziale Stadt“ und in enger Zusammenarbeit mit der Bayerischen Architektenkammer setzte die Gemeinde über den Einladungswettbewerb nach RPW 2013 nicht nur ein Zeichen, um kleineren und jüngeren Architekturbüros, gerade auch aus der Region, im Rahmen der immer komplexer werdenden Verfahren eine Chance zu geben. Mit diesem Projekt leisten die Gundelsheimer in vielerlei Hinsicht einen inspirierenden Beitrag zur Innenentwicklung im ländlichen Raum.

Alle Fotos: Stefan Meyer

Weitere spannende Projekte aus Holz finden Sie in unserer Serie BAUEN MIT HOLZ.