Heute: Stadtlücken
Gerade mit dem Studium fertig – oder in den letzten Zügen – und echt. keinen. Plan., wie es weitergehen soll? An diesem Punkt waren wir alle schon. Gewöhnt, immer ein Ziel vor Augen zu haben, macht sich jetzt ein großes Fragezeichen breit. Adieu Uni, hallo Zukunftsängste. Wir haben das Gegenmittel: Junge Büros und Arbeitnehmer, die ihren eigenen Weg gehen. Wir haben sie nach ihren größten Ängsten, Inspirationen und Erfolgen gefragt.
Wie, wann und wo entstand die Idee für die Stadtlücken e.V.?
Stadtlücken ist ein gemeinnütziger Verein. 2016 initiierten junge Gestalter und Studierende unterschiedlicher Disziplinen den Verein aus dem Bedürfnis heraus, das Bewusstsein für öffentlichen Raum und Stadterfahrung zu schärfen und ein digitalanaloges Netzwerk zu fördern, das gemeinsam eine lebenswerte Stadt entwickelt. Stadtlücken arbeitet mit Methoden und Formaten unterschiedlicher Konkretisierungsgrade. Ziel ist es, das Bewusstsein der Bewohner für ihre Stadt zu stärken und somit für ein lebenswerteres Stuttgart einzustehen. Die Lücken im verplanten und verspekulierten Stadtraum werden auf dem Blog www.stadtluecken.de gemeinschaftlich gesammelt, sichtbar gemacht und damit wieder ins Bewusstsein gerückt. Stadtlücken vernetzt die einzelnen Akteure der Stadt, fördert den Austausch und verdeutlicht Zusammenhänge. Konkrete Aktionen in gefunden Lücken öffnen Räume und machen diese für Menschen sowie deren Bedürfnisse zugänglich und gemeinsam nutzbar.
Euer größter Erfolg?
Bis zum Frühjahr 2018 verpachtete die Stadt Stuttgart den Raum unter der Paulinenbrücke an eine Parkplatzfirma. Damit wurden die Spielräume für diesen Teil der Stadt in private Hand abgegeben. Angeregt durch Aktionen von Stadtlücken e.V. beschloss der Gemeinderat Stuttgart durch einen überparteilichen Antrag, den Pachtvertrag zu kündigen und einen Teil der Fläche für einen Zeitraum von zwei Jahren den Stuttgarter Bürgern zu überlassen. Für uns eine großartige Errungenschaft in der anhaltenden Parkplatzdiskussion in der Autostadt Stuttgart. Gemeinsam experimentieren wir ab Ende Juli 2018 mit verschiedenen Nutzungskonzepten, um herauszufinden, welche Nutzung dieser neue öffentliche Raum verträgt.
Welches Projekt hat Euch zuletzt sprachlos gemacht?
Das Abholzen des Naturkunstwerkes „Sanctuarium“ des Konzeptkünstlers Herman de Vries auf dem Pragsattel. Nach 25 Jahren ungehindertem Wachstum im Kontext eines der befahrensten Verkehrsknotenpunkte, entschied das Garten- und Friedhofsamt der Landeshauptstadt Stuttgart, die Fläche zu „pflegen“. Dabei zerstörte sie den konzeptuellen Ansatz des Kunstwerks bis zur kahlen Erdoberfläche.
Was bricht Euch das Herz?
Der Abrisswahnsinn in Stuttgart (ENBW, Calwer Kopf…) und die verzweifelte Erwartungshaltung an neue Architektur, die unter Renditestreben und fragwürdigen Regelwerken eher die gewachsene Stadt und die Baukultur missachtet, anstatt sie zu fördern.
Was darf Architektur auf keinen Fall?
Den öffentlichen Raum besetzen, privatisieren oder kommerzialisieren. Die Stadt gehört uns allen!
Was liebt Ihr am meisten an Eurer Tätigkeit?
Die kreative Arbeit in allen Maßstäben mit Gestalter*innen, Anrainer*innen und Bürger*innen vor Ort in Form von offenen Werkstätten, Diskussionen, runden Tischen und weiteren Formaten.
Was hat Euch euren letzten Nervenzusammenbruch gekostet?
Die Erkenntnis, dass nicht jeder mit der gleichen Begeisterung an neue und komplexe Aufgaben im öffentlichen Raum herangeht. Das ist schade, da gute und konstruktive Lösungen meist im Team entstehen. Fehlende gegenseitige Bereitschaft erstickt damit nachbarschaftlicher Engagement bereits im Keim.
Wovor habt Ihr Angst?
Dass die Tendenz zur Radikalisierung ein immer noch aktuelles Thema ist und eine Verlagerung ins Extreme durch eine misslungene Kommunikation besteht.
Euer größtes Vorbild?
Hannah Arendt.