Die Kunst des Betens

Welch ein Auftritt! Erstmals präsentiert sich der Vatikan auf einer Architekturbiennale in Venedig, und dann gleich mit veritabel gebauten Exponaten von bisher nicht gesehenem Ausmaß. Auf der Isola di San Giorgio wurde der Park der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, darin zehn Kapellen, die zu einer Wallfahrt in der Stille der Natur einladen (sollen).

Mit der Stille ist es während der Biennale allerdings nicht weit her, denn erstaunlich viele Besucher, am Wochenende auch zahlreiche Venezianer, finden den Weg auf die Insel. Francesco Dal Co als Kurator hat Architekten aus vier Erdteilen – keineswegs nur Katholiken – eingeladen, nachzudenken über die Verbindung von Spiritualität und dem naturbezogenen Ort, einem Baumhain mit offenem Blick über die Lagune. Ausgangspunkt ist die Skogskapellet, die Gunnar Asplund 1918 in einem Stockholmer Friedhof erbaute. Francesco Magnani und Traudy Pelzel haben einen kongenialen hölzernen Pavillon entworfen, in dem Asplunds Zeichnungen und Planungen ausgestellt sind.

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Terunobo Fujimori (Japan).
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Javier Corvalán (Paraguay).

 

Die anderen Architekten haben den Bautypus zum Teil recht frei interpretiert. Nur zwei der Bauten könnte man als konventionelle Kapelle ansprechen, etwa den gleichfalls aus (abgeflammtem) Holz errichtete Andachtsraum von Terunobo Fujimori (Tokio) oder den prismatische Bau von Andrew Berman (New York). Während Javier Corvalán (Asunción) einen technizistischen Stahlrohrfachwerkkreis mit Holz umkleidet, schräg in die Höhe stemmt und darüber ein hölzernes Vierfachkreuz schweben lässt, fragt sich Carla Juaçaba (Rio), was das Wesentliche eines Sakralbaus ist und wieweit man diesen formal reduzieren könne. Das Ergebnis: Ein liegender Edelstahlbalken, der nach oben knickt und durch einen Querbalken zum Kreuz wird. Querbalken aus Beton unter dem Träger können als Sitzreihen interpretiert werden. Ein weiterer schwebender Balken markiert das hintere Ende der „Kirche“. Mit reduziertesten Mitteln wird ein Raum definiert. Selbst auf den Ambo wird verzichtet.

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Norman Foster (Großbritannien).
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Sean Godsell (Australien).

 

Sean Godsell (Melbourne) präsentiert eine Art gülden ausgekleideten Himmelskamin, der symbolisch Erleuchtung zu den Irdischen hinabschickt. Die Erdgeschosswände kann man aufklappen und so die Kapelle allseits öffnen. Norman Foster liefert ein hybrides High-Tech-Konstrukt mit stählernem Trag- und hölzernem Sekundärgerüst, ohne Wände, anschaulich nachvollziehbar konstruiert, aber ohne spirituelle Anmutung. Eduardo Soto de Moura (Porto) formuliert gewissermaßen die Gegenposition, fügt schwere Kalksteinquader zu einem archaischen, kontemplativen Raum mit Vorhof. Das Kreuz entsteht fast zufällig durch die Fugen.

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Eduardo Soto de Moura (Portugal).
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Carla Juaçaba (Brasilien).

 

Das Maß an künstlerischer, beziehungsweise, baukünstlerischer Freiheit, das sich in der Variabilität der angebotenen Lösungen zeigt, konnte man dem Vatikan als Bauherrn nicht ohne Weiteres zutrauen. So unterschiedlich wie die Architekten aus vier Kontinenten, so vielfältig sind die Vorstellungen von einem Ort, der der Andacht und dem Zwiegespräch mit Gott gewidmet ist.

Für einen Besuch wähle man die ruhige Morgenstunde gleich nach 10 Uhr.

 

Alle Fotos: Gabriele Jaeger.