Münchens Konzertsaal-Debatte

Bis 2020 braucht München einen neuen Konzertsaal. Das ist der gesetzte Zeitpunkt für die Grundsanierung des Gasteigs – und somit der, an dem das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und die Münchner Philharmoniker in eine neue Spielstätte ziehen müssen. Denn sicher will die Landeshauptstadt als Kulturstandort im internationalen Vergleich wettbewerbsfähig bleiben.

Dazu braucht es Proberäume, ansonsten droht den international anerkannten Top-Orchestern der Absturz ins Provinz-Ranking. Natürlich gibt es räumliche „Ausweichmöglichkeiten“ für den Sanierungszeitraum – wie zum Beispiel den Herkulessaal der Residenz. Aber auch der soll in absehbarer Zeit saniert werden. Andere Räumlichkeiten sind zu klein, zu ausgebucht, zu schlecht angebunden. Ein Neubau ist also zwingend. Sowieso ist es kaum vorstellbar, dass die Landeshauptstadt die Chance vertut, seinen Spitzenorchestern ein neues architektonisches Gesicht zu geben. Nur wie das aussehen soll ist die große Frage.

Standort-Besichtigung

Vorschläge für neue Standorte gingen schon viele durch die Presse: die Stelle der Eislaufhalle am Olympiagelände, der Finanzgarten oder auch das Werksviertel am Ostbahnhof. Letzterer ist ein Vorschlag eines privaten Investors. In den Topf der öffentlichen Diskussion wirft eine Initiative aus der Bürgerschaft jetzt noch eine Idee, auch mit privatem Investor: Eine Musikstadt mit dem Titel „Die Resonanz“ an der alten Paketposthalle. Der Deal: Die Post erhält schlüsselfertig einen Neubau und überlässt die Betonhalle der Musik. Zu dem Team dieses Projekts gehören die Landschaftsarchitektin Andrea Gebhard, die auf den Standort aufmerksam wurde, der Architekt Joachim Jürke, der Anwalt Josef Nachmann, der Immobilienexperte Konstantin Wettig und der Investor und Musikliebhaber Mathias Niemeier.

Ernst zu nehmen ist der Ansatz in jedem Fall. Die Paketposthalle war zur Zeit ihrer Erbauung die größte freitragende Betonfertigteilhalle der Welt – insofern ein imposantes Gebäude. Ein, zwei, drei Konzertsäle würden unter dem am Scheitel knapp 32 Meter hohen Tragwerk locker unterkommen – nebeneinander gesetzt oder in die Höhe gestapelt. Zusammengefasst heißt das: Der Standort bietet einem möglichen Entwurf jede Menge Spielraum und dazu ein denkmalgeschütztes Dach über dem Kopf, das Innen- und Außenräume einer Musikstadt zusammenfassen würde.

Städtebaulich trägt das Konzept den Gedanken früherer Münchner Stadterweiterungen weiter, die Stadt an ihren Rändern zu entwickeln – seinerseits Glyptothek und Pinakothek (1803-1833), LMU und Bayerische Staatsbibliothek (1833-1858) oder das Gärtnerplatztheater (1858-1883). Die Anbindung mit Stammstrecke, Bus und Tram erscheint auf den ersten Blick problemlos, das Gelände ist von Haltestellen quasi umzingelt. Kulturell ist der Westen Münchens bisher benachteiligt – denn das kulturelle Leben findet bisher im Zentrum und im Osten statt.

Die privaten Investoren und die Stadt könnten mit ihren – zugegeben unterschiedlichen – Interessen beim Projekt Paketposthalle durchaus zusammen kommen: München bleibt eine international konkurrenzfähige Musikstadt, Niemeier investiert in ein dauerhaft rentables Projekt und in eines für die Musik. Er würde der Post das gesamte Areal abkaufen, das Konzept Musikstadt entwickeln und die Räume an den Freistaat Bayern verpachten oder -mieten.

Und die Post? Die wird nach und nach von entstehenden Wohnneubauten eingedämmt und sucht laut dem Projektteam irgendwann sowieso einen neuen Standort. Geäußert hat sich von der Post aber noch niemand..

Wenn das Team das Projekt „Resonanz“ bis 2020 fertig stellen will (inklusive neuer Pakethalle), müsste die Entscheidung für den Standort von Seiten des Landtags noch im Jahr 2015 fallen. Immerhin wird es vorab noch eine Machbarkeitsstudie und einen Wettbewerb zum Gesicht des Gebäudes geben (auf dem Wunschzettel stehen David Chipperfield, Helmut Jahn, Rem Koolhaas und Nieto Sobejano, mit denen erste Gespräche geführt wurden). Die Chancen stehen nicht ganz schlecht, da sich Thomas Goppel, Mitglied im Bayerischen Landtag, bereits als Fürsprecher des Projekts ausgesprochen hat. Die Entscheidung, ob der Standort in die engere Wahl kommt, wird es kommende Woche geben.

Foto Paketposthalle: Stefan Müller-Naumann; Visualisierungen: Campo Projektentwicklungsgesellschaft / Jürke Architekten / KMS Blackspace