03.03.2016

Öffentlich

Mehr Selbstbestimmung für Architekten!

von Alexander Russ

Das Konzerthaus von Peter Haimerl in Blaibach; Foto: Edward Beierle

Es ist ja ein altes Dilemma des Künstlers, dass er sich in einem Abhängigkeitsverhältnis befindet. Das gilt auch für Architekten, bei denen speziell das Phänomen der moralischen Zwickmühle weit verbreitet ist. Zuletzt war das besonders bei den Arbeiten des Alt-68ers Rem Koolhaas zu beobachten, der eifrig für autoritäre Staaten plante.

Damit steht Koolhaas als Vertreter einer zweiten Moderne ganz in der Tradition seiner Väter. Besonders erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang Philip Johnson, von dem die berühmt-berüchtigte Aussage stammt, er plane auch für den Teufel persönlich, wenn der ihn beauftragen würde.

Aber auch andere berühmte Vertreter der Moderne haben Teufelspakte geschlossen – sei es aus reinem Pragmatismus oder aus ideologischer Überzeugung. Mies van der Rohe nahm während der Nazi-Zeit am Wettbewerb für die Reichsbank teil, bevor er in die USA emigrierte. Le Corbusier wurde während des Vichy-Regimes gleich ganz zum Faschisten, vergaß das aber nach Kriegsende sofort wieder.

Koolhaas scheint Philip Johnsons Credo verinnerlicht zu haben. Er ist aber bei Weitem nicht der Einzige. Zaha Hadid, Coop Himmelb(l)au, Herzog & de Meuron, sie alle nutzen die Globalisierung, um dem eigenen Büro zu Ruhm und Ehre zu verhelfen – zur Not auch mit moralisch zweifelhaften Bauherren.

In letzter Zeit gibt es dazu eine Art Gegenbewegung, die meist von den Hochschulen kommt. Zyniker würden sie als „Gutmenschen-Architektur“ bezeichnen. Gemeint sind Hilfsprojekte in Entwicklungsländern, vornehmlich Afrika. Studenten bauen dort mit einfachsten Mitteln und mit Hilfe der Einheimischen Schulen, Kindergärten oder was eben sonst noch an baulicher Infrastruktur notwendig ist.

 

So lobenswert diese Projekte auch sind, im Bezug auf den Alltag eines Architekturbüros sind es doch eher Ersatzhandlungen, die zeigen, dass Architekten auch gute Menschen sein können. In diesem Zusammenhang ist es mal interessant zu beleuchten, wie ein Architekt zu seinen Aufträgen kommt. Das geschieht meistens über Wettbewerbe, VOF-Verfahren oder Kontakte zu Investoren. Alle drei Varianten haben so ihre Tücken, die im Baumeister immer wieder diskutiert werden – auch innerhalb unserer Kolumnen.

Es gibt aber auch eine vierte Variante: Eigeninitiative. Zwei Beispiele aus Bayern und Berlin zeigen, dass es anders geht. Das eine ist ein Konzerthaus im bayrischen Blaibach von Peter Haimerl (siehe B11/14), das andere die Konversion einer Kirche in eine Kunstgalerie von Arno Brandlhuber und Riegler Riewe (siehe B8/15).

Beide Projekte wurden von den Architekten angestoßen. Im Fall von Peter Haimerl geht das Projekt zwar indirekt auf einen Wettbewerb zurück, viel wichtiger war aber die prozesshafte Entwicklung danach. Dementsprechend kam auch ein vollkommen anderes Ergebnis heraus, als es der Wettbewerb vorsah. Dafür ging der Architekt auf die Bedürfnisse des Dorfs, deren Bewohner und schlussendlich auf die der ganzen Region ein.

 

Ähnlich verhält es sich bei der brutalistischen Kirche St. Agnes in Berlin, die Arno Brandlhuber vor dem Abriss bewahrte. Der Architekt lieferte nicht nur ein neues Nutzungskonzept, er machte sich auch gleich auf die Suche nach einem neuen Nutzer.

 

Derartige Szenarien verlangen viel Sensibilität und Engagement vom Architekten. Außerdem geht es primär darum Bedürfnisse zu verstehen und in Prozesse umzuwandeln. Der Entwurf wird da fast zum Nebenprodukt. Er ist aber auch das Ergebnis der vorangegangenen Prozesse und damit auch eher in der Lage tatsächliche Notwendigkeiten abzubilden. Dass dabei keine Konsens-Architektur entstehen muss, beweisen beide Projekte auf beeindruckende Art und Weise.

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