Mail aus Berlin (5)

Sucht man nach „Berlin must see“ wirft Google eine Reihe an Sehenswürdigkeiten aus. Die finden zwar im alltäglichen Leben eines Berliners wenig Beachtung, bilden aber das internationale Gesicht der Stadt. Von dem Brandenburger Tor, Reichstag, Potsdamer Platz bis zur Museumsinsel reicht die Liste der meist zentralen Bauten in Berlin. Ein weiterer, sich bereits in Entstehung befindender Bau soll sich zukünftig in jene Riege gesellen: Das rekonstruierte Berliner Schloss. 1443 von Friedrich II. begründet und 1698 von Andreas Schlüter im Stiel des Hoch-Barocks erweitert und renoviert, soll der Residenzbau nun an seiner ursprünglichen Position auf der Museumsinsel wieder errichtet werden.

Am Weg zur Besichtigung erblicke ich bereits von weitem die aus Stahlträgern gefügte Konstruktion der Schlosskuppel. Als sich der Blick jedoch öffnet und den gesamten Rohbau freigibt, lässt mich die Massivität des zu sehenden Stahlbetonskelettbaus erst mal erschaudern. Noch vermutet man hinter der blank geschalten Lochfassade weder in Form noch Materialität ein barockes Schloss. Bei genauerer Betrachtung erkennt man allerdings schon Bauarbeiter, welche dem Stahlbeton im Erdgeschoss eine Ziegelschicht vorsetzen. So zeigt auch ein Fassadenmuster am Rande des Bauplatzes den mehrschichtigen Wandaufbau, der auf den Verbund zwischen Stahlbeton, Mauerwerk und vorfabrizierte Sandsteinteile setzt.

Bis 1918 als kaiserlicher Sitz verwendet, galt das Schloss als Verkörperung 500 Jahre brandenburgisch-preußischer Kunstgeschichte und überstand sogar beide Weltkriege relativ unbeschadet. So konnte es noch einige Jahre als Museum genutzt werden, bis es 1950 durch die Ost-Berliner Regierung gesprengt und später durch den Palast der Republik teilweise wieder überbaut wurde. Doch mit dem Mauerfall kamen gleichzeitig Diskussionen über einen Wiederaufbau auf. Nach Vorschlägen über moderne Neubauten und detaillierte Rekonstruktionen empfahl 2002 eine Experten-Kommission das Schloss mit den drei Barocken Fassaden wieder zu errichten. Somit kam es 2006 zum Abriss des Palast der Republik und zu einem Architekturwettbewerb zum Wiederaufbau des Schloss, den Franco Stella für sich entschied.

Der Entwurf der italienischen Architekten beinhaltet die Forderungen und sieht vor, nur jene Fassaden, Portale und Innenhöfe detailgetreu zu errichten. Der Innenraum und die vierte, dem Fluss zugewandte Fassade folgen allerdings einem völlig unabhängigen Konzept.

65 Jahre nach dem Abriss stehe ich nun vor einem Betonskelettbau, der versucht, in seiner Fassade die historische Bedeutung des ehemaligen Berliner Schlosses zu verkörpern – und frage mich nach der Sinnhaftigkeit einer solchen Rekonstruktion. Ziemlich sicher werden sich zukünftig täglich tausende Touristen vor dem Bau ablichten lassen, ihn betreten und die Ausstellungen und Institutionen besuchen. Doch welchen Nutzen hat solch ein Wiederaufbau eines völlig abgetragenen Gebäudes? Es dient eben nicht der Sicherung historischer Gebäude, sondern wird als völlig eigenständige Kopie an die selbe Stelle gestellt, um etwas vorzugeben was es nicht ist. Andererseits könnte man argumentieren, dass sich sämtliche in der Umgebung befindenden Repräsentationsbauten, wie der Dom oder das Alte Museum, auf das ehemalige Schloss beziehen und nun durch die Rekonstruktion das Städtebauliche Ensemble wiederhergestellt wird. Doch kann dies nur ein eklektisches, das Vergangene wiederholende Gebäude?

In den vergangenen Monaten durfte ich mit J. Mayer H. ein Büro erleben, das versucht, mit neuen Technologien Antworten auf aktuelle Themen wie zum Beispiel Digitalisierung und Wege der Kommunikation zu finden. Ein Büro, das nicht nur versucht, mit alten Methoden neue Probleme zu lösen, sondern immer daran interessiert ist, auch über den Tellerrand hinauszublicken und neue Wege zu finden. Natürlich ist es ebenso wichtig über Ergebnisse solcher Prozesse zu diskutieren, jedoch ist es vielleicht genau jener Mut der beim Wiederaufbau des Berliner Schloss schlussendlich ein wenig gefehlt hat.

Die Baumeister Academy wird unterstützt von Graphisoft und der BAU 2017