Pavillon des 21. Jahrhunderts

Die Umsetzung zeitgenössischer Architektur gestaltet sich in Venedig im Vergleich zu anderen Städten etwas schwieriger. Seit der Nachkriegszeit begegnet man jedem neuen Projekt mit einem vorsichtigen Misstrauen, da die neue Architektur zunächst als eine Gefahr für den heiklen Kontext der einzigartigen Stadt gesehen wird. Im Gegensatz zu den von dem Krieg stark zerstörten deutschen Städte hat Venedig seine Bausubstanz erhalten und addiert. Wie viel Modernität kann sich die Lagunenstadt also leisten?

In den sogenannten Giardini – zu Deutsch „Gärten“ –, findet seit 1895 die bekannte Kunst- und Architekturbiennale statt. Die in einer großen Grünanlage verteilten Pavillons stellen mit ihren verschiedenen Stilrichtungen die Architekturentwicklung der letzte 100 Jahren dar. Dazu gehören Werke von Joseph Hoffmann, Carlo Scarpa, Alvar Aalto und James Stirling. Aber noch kein Pavillon wurde im 21. Jahrhundert gebaut. Diesen „Rekord“ hat jetzt der Neubau des australischen Pavillons inne, der für die laufende Kunstausstellung eingeweiht wurde.

Bereits 2011 wurde ein Wettbewerb ausgelobt um den 1988 eingeweihten – vorläufigen – Pavillon zu ersetzen. Der Leichtbau des Architekten Philip Cox (der als Provisorium 23 Jahre im Gelände stand!) war auf zwei verschiedenen Ebenen angeordnet und damit nicht immer ganz praktisch für die Ausstellung der Kunst- und Architekturwerke. Die Architekten Denton Corker Marshall hatten sich mit einem einfachen Projekt gegen 67 qualifizierte Büros durchgesetzt. Das Büro zahlt zu den renommiertesten Namen in Australien und ist vor allem für seine aus schwarzen Volumen zusammengebauten Gebäude bekannt.

Von Außen bemerkt man das Gebäude im Gehölz des Gelände fast nicht. Vier schwarze Granitwände bilden zusammen ein einfachen „Black Box“, die durch eine Rampe zugänglich ist. Von der Kanalseite aber wirkt das Gebäude auffälliger: Die Außenfläche ist an einigen Stellen aufklappbar und ermöglicht damit eine beliebige Belichtung oder Verschattung der Ausstellungsräume. Die Öffnungen ermöglichen eine Flexibilität in der Raumgestaltung und erleichtern die sonst massive Architektur, die  für die gewünschte Leichtigkeit eines Pavillons oft nicht ganz passend ist.

In der neuen Black Box stellt sich einen zweite „White Box“: vier verputzte weiße Wände schaffen einen räumigen Ausstellungsraum. Schlichter könnte es nicht sein. Die Lager- und Diensträume befinden sich ein Geschoss tiefer, ein Güteraufzug verbindet die zwei Ebenen. Alles wirkt so zweckmäßig, dass man einmal Innen nur auf die Exponate achtet – nicht auf den Raum. Gut für die Künstlerin Fiona Hall, deren Ausstellung „WrongWayTime“ alle Aufmerksamkeit des Besuchers erhält.Weniger gut für den Architekten.

Um den Pavillon besser zu erfassen, muss man raus und über den Kanal. Nur von hier spürt man ganz die Dynamik und Materialität der Außenfassade. Der gesamte Eindruck bleibt aber derselbe: die Australier haben endlich einen praktischen Ausstellungsraum, aber man hätte etwas mehr wagen können. Für die nächste Gelegenheit müssen wir wahrscheinlich noch ein paar Jahrzehente warten.

Fotos: John Gollings