Lebendige Fassaden

 

Fassaden reagieren auf äußere Einflüsse: Bei Regen färben sie sich dunkel, die Sonne bleicht sie aus, Moos setzt sich an feuchten Stellen ab. Das gilt ebenso für Medienfassaden, wenn auch auf etwas andere Weise: Auch sie können auf ihre Umgebung reagieren, dabei aber mit Farbe, Licht oder Sprache spielen.

Über die Werbung hinaus

Der Begriff selbst ruft erst einmal Assoziationen an grellbunte Displays hervor, wie man sie aus Filmen wie „Blade Runner“ oder öffentlichen Räumen wie dem New Yorker Times Square kennt. Allerdings kann eine Medienfassade viel mehr sein als ein Bildschirm, auf dem Werbung flimmert – zum Beispiel ein spielerischer Bestandteil der Gebäudehülle, der den städtischen Raum bereichert. Das sehen realities:united genauso: Das Berliner Büro um Jan und Tim Edler beschäftigt sich mit dem Zusammenspiel von Kunst, Architektur und Medien, und arbeitet in seinen Projekten an der Verschmelzung aller drei Bereiche.

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Leuchtet in der Nacht: Die Medienfassade des Kunsthauses Graz. Foto: Landesmuseum Johanneum
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Die Neon-Installation auf der Oberfläche ist ein Werk von realities:united. Foto: Paul Ott

 

Friendly Alien

Eines der bekanntesten Beispiele für diese Philosophie ist die Fassadeninstallation „Bix“ am Kunsthaus in Graz, das von Peter Cook, Colin Fournier und dem Spacelab Team entworfen wurde und auch als „Friendly Alien“ bezeichnet wird. Die Planung für das Museum stand schon, als realities:united damit beauftrag wurden, die Gebäudehülle zu bespielen. Die Architekten ließen daraufhin 930 Neonröhren unter der transluzenten Plexiglasfassade platzieren, die zu Pixeln eines Bildträgers wurden. Die Neonleuchten waren dimmbar und konnten speziell angefertigte Animationen in einer Geschwindigkeit von 18 Bildern pro Sekunde abspielen.

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Mit seinem "Friendly Alien" (2003) leistete Peter Cook Pionierarbeit für den Einsatz von Medien zur Fassadengestaltung. Foto: Harry Schiffer

 

Mit der Stadt kommunizieren

Der Entwurf A. Amp (kurz für Architectural Advertising Amplifier) für ein Bürogebäude in Singapur von Woha Architekten führte diese Idee weiter. Hier wird die Glasfassade des Gebäudes zu einem großen Bildschirm. Dahinter befinden sich LED-Elemente, die große Pixel erzeugen.

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Close up Medienfassade: Hinter diesen Glasscheiben sind LED-Elemente installiert, die große Pixel erzeugen. Foto: realities:united

 

Wenn es dunkel ist und die Büros menschenleer sind, beginnt ein magisches Farb- und Lichtspiel: Eine Software analysiert dann die abgespielten Werbespots eines hochauflösenden Bildschirms, der ebenfalls am Gebäude angebracht ist, und produziert komplementäre Lichteffekte auf die Fassade – ein visuelles Spektakel, das den städtischen Raum belebt und die Architektur mit dem Medium verbindet.

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Farbenspiel: Die Fassade bei Nacht. Foto: realities:united
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Das Konzept für die wechselnde Beleuchtung stammt ebenfalls von realities:united. Foto: realities:united

 

Entwurfsideen wie die der Medienfassade stellen die Hersteller von transluzenten Baumaterialien immer wieder vor neue Herausforderungen. Eine Übersicht über die jüngsten Entwicklungen auf diesem Gebiet kann man auf der internationalen Messe für den Werkstoff Glas glasstec in Düsseldorf gewinnen. Dort präsentieren Forschungsinstitute, Universitäten und Fachverbände, die im Bereich der Glasfassaden-Entwicklung tätig sind, ihr Fachwissen. Daneben sind selbstverständlich auch die Hersteller vor Ort und führen in ihre Produktwelt ein.

Die glasstec 2018 findet vom 23. bis 26. Oktober 2018 auf dem Düsseldorfer Messegelände statt.