Kyoto, Hotel Nine Hours

Keisuke Yui mag keine Kapselhotels. Sein Vater besaß eines in Akihabara, dem Elektronikviertel von Tokio. Foyer und Flure waren dunkel und miefig, die Gäste meist sturzbetrunkene Geschäftsmänner, die den letzten Zug nach Hause verpasst hatten und nach einer billigen Übernachtungsmöglichkeit suchten. Keisuke Yui mag diese Hotels nicht, da die Idee der Übernachtung in Kapseln für ihn mehr ist als nur eine Notlösung: Die Befreiung des Schlafes von einem durch konventionelle Hotels unnatürlich aufgeblasenen Prozess, von Räumen mit goldgerahmten Spiegeln und wild gemusterten Teppichen. Mit dem Hotel nine hours im Zentrum von Kyoto verwirklichte der Japaner in Zusammenarbeit mit einem Innenarchitekten, einer Produktdesignerin und einem Kommunikationsdesigner seine eigene Vorstellung eines Kapselhotels. Das strahlend weiße Foyer, das dem Besucher durch die Glasschiebetüren des leicht zurückgesetzten Gebäudes entgegenleuchtet, sorgt dafür, dass lichtscheue Gestalten schnell das Weite suchen; alle anderen betreten die schmale Halle mit einer gewissen Ehrfurcht.

Der Gast schließt seine Schuhe in eines der Fächer am Eingang, gibt den Schlüssel an der Rezeption ab und erhält dafür einen anderen Schlüssel mit derselben Nummer, der ihm Zugang zu seinem Gepäckfach im Obergeschoss gewährt. Da auch die Schlafkapsel die gleiche Nummer tragen wird, darf sich der Gast bereits jetzt ein wenig von der Last seiner Identität befreit fühlen. In den vom Hotel zur Verfügung gestellten 9h-Stoffslippern schlurft er zum Aufzugsbereich, wo er darauf achten muss, sich seinem Geschlecht entsprechend einzuordnen: Der rechte Aufzug gehört den Männern, der linke den Frauen. Die Geschosse sind nach Geschlechtern getrennt, und die Aufzüge fahren jeweils nur diejenigen Bereiche an, zu denen der Zugang erlaubt ist. Der Garderoben- und Duschbereich für Frauen befindet sich im 3. Obergeschoss. Die Aufzugstür öffnet sich, und der Gast steht in einem hellen, blitzblanken Raum mit schnurgerade auf Sideboards  gestapelten Handtüchern, in Nischen lagernden Föns mit sauber aufgewickelten Kabeln und kleinen Boxen mit neutral verpackten Dusch- und Waschutensilien.

Im persönlichen Gepäckfach befindet sich ein schwarzer Schlafanzug, den die zehn anderen weiblichen Gäste, die sich hier tummeln, bereits tragen. Sie wirken damit ein wenig wie Ameisen auf einer Sahnetorte, doch das Einheitsoutfit hat auch Vorteile: Es assimiliert den Gast in die fremde, etwas sterile Welt, und bewahrt ihn gleichzeitig vor dem Anblick tief dekolletierter Blümchennachthemden. Völlig ohne Gepäck begibt sich der Gast endlich zu den „sleeping hubs“, krabbelt in die Kapsel mit der richtigen Nummer, schließt den Stoffrollo vor dem Eingang und programmiert den Wecker auf die gewünschte Zeit. Das Licht im Kapselinneren nimmt langsam ab, und der Einschlafende genießt den pränatalen Luxus, in einer völlig neutralen Umgebung zur Ruhe kommen zu dürfen. Morgens wird das Licht in der Kapsel langsam heller, schließlich fast grell – der Schlafende wird dadurch völlig geräuschlos geweckt. Keisuke Yui hat das Hotel ursprünglich vor allem für Geschäftsreisende geschaffen, die sich nur kurz in Kyoto aufhalten und nicht viel mehr wollen als guten Schlaf. Die Brillianz der Idee scheint der eigentlichen Zielgruppe jedoch noch nicht aufgegangen zu sein – die meisten Besucher des „nine hours“ sind internationale Backpacker, die sich über die blitzblanken Räumlichkeiten und das chice, bisher leider noch unverkäufliche Zubehör freuen. In nicht allzu ferner Zukunft könnten „nine hours“-Hotels auch Minimalisten anderer Länder perfekten Schlaf bieten: Wenn es nach Keisuke Yui geht, wird sich das Pilotprojekt bald zur weltumspannenden Hotelkette entwickeln.

Adresse

Nine Hours Kyoto Teramachi
588 Teianmaeno-cho, Shijyo, Teramachi-dori
Shimogyo-ku, Kyoto
600-8031 Japan
http://9hours.jp