Bad Ragaz, Hotel Roessli

Ob die Tamina-Therme einmal wie die Valser Badetempel Architekten zu Pflichtreisen animieren wird, ist noch offen (siehe Baumeister 7/2010). Aber sollte jemand von Ihnen in das sonst nicht sonderlich berühmte Bad Ragaz kommen, gehört das Hotel Roessli zu den Empfehlungen. Es steht mitten im Ort, an der Durchgangsstraße, doch man übersieht es leicht in seiner ungeklärten städtischen Lage. Hier zweigt beiläufigeinWeg ab, da sind ein Parkplatz und dann die Ladezonen zweier Supermärkte; außerdem wurde an dem Haus – im Laufe von vier Generationen immer wieder verändert – beim letzten Umbau soviel aus den sechziger und siebziger Jahren veredelt, gekonnt veredelt, dass man gar nichts Auffälliges entdeckt. Zur Hauptstraße liegt der Eingang zur familieneigenen Metzgerei und zum Restaurant, zum Hotel geht es über den Parkplatz.

Die Fassade wurde im Zuge der energetischen Sanierung mit einer Thermohaut überzogen, einige alsWärmebrücken entlarvte Balkone hat man abgebrochen. Die schalldämmenden Holz-Metall-Fenster sind die solidesten, die der Mensch je gesehen hat. Aber den Gast interessiert das Innenleben, nicht der Minergie-Standard. Entworfen hat es der Zürcher Architekt Karsten Schmidt-Hoensdorf, den die Bauherren über einen kleinen eingeladenenWettbewerb gefunden haben. Außerdem hat unser geschätzter Hochparterre-Kollege Köbi Gantenbein beratend das Projekt begleitet. Im erhaltenen gutbürgerlichen Treppenhaus entdeckt der Gast auf dem ersten Stock ein paar konzeptionelle Zugaben: eine Tauschbibliothek und Kopfkeile zum Testen, dann einen Tresen mit Obst, Gebäck, Kaffeebar und Kühlfach. Man spielt die familiäre Karte. Die Zimmer, alle nachWeinlagen benannt statt mit Nummern versehen, haben eine stattliche Größe. Schon der erste Blick von der Tür verrät: Okay, hier hat ein Architekt gewirkt, das ist guter Geschmack. Auf dem Boden breite naturbelassene Douglasie- Dielen, ein hohes weißes Bett mit einer stattlichen Kopftafel, Einbauschränke, angedeutetes Mobiliar mit kleinen Sesseln, alles auf ein gediegenes Farbkonzept abgestimmt. Das Badezimmer ist offen, nur durch matte blau-gelbe Glasschiebeflächen halbwegs abzutrennen. Diese Mode scheint sich immer mehr durchzusetzen. Damit vergrößert sich der Raum, es kommt zusätzlich Licht durch ein zweites Fenster. Aber man muss auch feststellen, dass es eine merkwürdige Erfindung ist. Der Blick in ein benutztes Bad und auf nasse Handtücher, gar seinem Partner beim Nägelschneiden oder Zähneputzen zuzusehen – auf diese Sinnlichkeit könnte man verzichten. Die Toilette liegt daneben in einem eigenen Kabinett. Hier fehlt einWaschbecken, da überlegt man, wer schon zuvor die Türklinke angefasst hat. Also wenden wir der Sanitärabteilung den Rücken zu und freuen uns auf die Qualität des rückenfreundlichen Betts, die soliden Materialien und die für jede Stimmung regelbare Beleuchtung.Wir haben uns zuvor ein Nachtessen geleistet, unten im Lokal, das mit 15 GaultMillau-Punkten ausgezeichnet ist. Die Küche strengte sich an, bisweilen spürte man die Anstrengung. Der Service war freundlichprofessionell, blieb distanziert. Das passt alles zu dem bereits vor Jahren umgebauten Gastraum.Man sitzt sich aufgereiht an tiefen Zweiertischen gegenüber, wie beim Business-Lunch mit dem Chef. Architektonisch ist nichts auszusetzen, aber so richtig Spaß macht das Essen nicht. Lieber ab ins Bett!

Adresse

Hotel Restaurant Roessli
Freihofweg 3, Bad Ragaz, Schweiz
www.roessliragaz.ch