Kultur am Wochenende – Mail aus Rotterdam (2)

Nachdem ich als Teil des französischsprachigen Teams Erfahrungen bei Wettbewerben in der Schweiz und Frankreich sammeln konnte, habe ich Ende Mai das Team innerhalb von MVRDV gewechselt. Zusammen mit deutschen, österreichischen und polnischen Kollegen bearbeite ich nun Projekte vor allem im deutschsprachigen Raum. Das Spektrum reicht von der Entwicklung von Masterplänen bis zu Forschungs- und Fakultätsgebäuden. Bemerkenswert bei MVRDV ist, dass mit dem Team auch immer der Arbeitsplatz wechselt – bildet sich ein neues Team, bildet sich auch eine neue Tischgruppe. Dadurch erhält man nicht nur die Chance, das gesamte Büro zu erkunden, sondern auch wirklich alle Mitarbeiter kennenzulernen. Die Teams arbeiten mit verschiednen Programmen und so erhält man ganz automatisch Einblick in andere Arbeitsweisen und Techniken.

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Foto: Ossip

Mit acht Wochen Verzögerung und einem zweiten Besuch im Gemeindehaus halte ich endlich meine Bürgerservicenummer in Händen und habe Zeit, Rotterdam wirklich kennenzulernen. In der Stadt, wegen ihrer Skyline auch Manhattan an der Maas genannt, haben sich diverse Architekturbüros niedergelassen – und viele Architekten und Architekturstudenten sind diesem Ruf gefolgt. Die Stadt verfügt über eine pulsierende Kunst- und Architekturszene sowie entsprechende Plattformen, um mit einem beeindruckenden Programm aufzuwarten. Am Donnerstag sah ich mit „Your Vice is a Locked Room and Only I Have the Key“ den letzten Film aus der Reihe „Typical Movies #2“ im Post-Office vor der Sommerpause. Omero Architects zeigen hier in einer zwielichtigen ehemaligen Postfiliale und nach einer einleitenden Vorlesung wöchentlich Filme, die im weitesten Sinne mit Architektur in Verbindung stehen. Sergio Martinos Film wurde 1972 in der Villa Cavalli Lugli nahe Padua, Italien gedreht.

Wöchentlich, normalerweise donnerstags, finden im Het Nieuwe Instituut Vorlesungen und Diskussionen statt. Ausnahmsweise also kann ich an einem Freitag den Vortrag „Control Room Rio“ von Mark Wasiuta (Columbia University) über das Cor-Überwachungsprogramm in Rio de Janeiro verfolgen. In der anschließenden Diskussion mit Pedro Rivera (Studio X, Rio de Janeiro), versuchen beide herauszufinden, wer eigentlich die Macht über Städte und ihre Bürger hat – der eine eher mit dem Blick von außen, der andere als involvierter Bürger Rios.

Den Samstag kann man entweder im Witte de With Center for Contemporary Art in der Witte de Withstraat verbringen oder die Garage Rotterdam besuchen. In der ehemaligen Autowerkstatt von Volkswagen, die 2011 von Architekt Remy Meijers umgestaltet wurde, befinden sich heute ein Café und Flächen für wechselnde Ausstellungen.

De Dépendance, die sich als Podium für Stadtkultur versteht, organisiert regelmäßig Ausstellungen, Lesungen oder Vorführungen. Am Sonntag besuchte ich auf der Dachterrasse des Las Palmas-Gebäudes im Stadtteil Kop van Zuid die Vorlesung „Number one City – Urban competitiveness and policies of fairness“ von Ewald Engelen. Der Professor für financial geography an der Universität Amsterdam stellte in seinem Vortrag, dem dritten und letzten der Reihe „Space Invaders“, die Frage, wie man Städte fairer bauen, ausbauen und umbauen kann.

Als letzter Punkt des Wochenendes stand der erneute Besuch von „de Trap“ gleich neben der Centraal Station auf dem Plan. Die 29 Meter hohe und 57 Meter lange Treppe von MVRDV führt auf das Dach des Groot Handelsgebouw, von wo aus auch Zugang zum Kriterion besteht, einem in den 1960er Jahren populären Kino. Die neu erbaute Stadt wird also mit einem historischen Monument verbunden. „The Stairs“ sind als temporäre Installation Teil der Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag des Wiederaufbaus Rotterdams. Erklimmt man die Stufen, hat man einen fantastischen Blick über die rekonstruierte Stadt.

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