07.09.2016

Öffentlich

Krude rechte Ritterspiele

von Alexander Gutzmer

Politik ist ein berechenbares Geschäft. Die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern hat das erwartete AfD-Beben ergeben. Die Medien reagierten – ebenfalls erwartbar – schockiert. Routiniert wird sich über die Dummheit der Wähler aufgeregt. Danach fühlen sich alle besser und gehen zur politischen Tagesordnung über.

Was nicht heißt, dass sich nichts ändert im Land. Angela Merkel wird ob ihrer Abschottungsskepsis angezählt. Denkbar sogar, dass ihre Zeit als Kanzlerin endlich ist. Was aber nicht passiert: Es wird nicht genau hingeschaut, was genau sich im nordöstlichen Bundesland – oder in Deutschland insgesamt – gerade wirklich verändert.

Es geht nämlich nicht nur um eine neue Sitzeverteilung im Schweriner Schloss. Und der Höhenflug der AfD hat auch nicht nur mit „der Flüchtlingskrise“ zu tun. Von der dürfte man auf Rügen ohnehin primär aus Zeitungen erfahren. Die Aufregung über die Migration ist nur ein Vehikel für etwas Grundlegenderes.

Was sich momentan ändert, ist die emotionale Befindlichkeit der ganzen Gesellschaft. Man redet wieder über nationale Identität, sucht nach dem, was „deutsch“ ist. Und man entwickelt Abgrenzungsästhetiken, die ein Gefühl von Scholle, Heimat, Einfachheit, Homogenität und völkischer Überlegenheit vermitteln.

Diese Suche führt zu neuen ästhetischen – auch raumästhetischen – Präferenzen. Die fallen ziemlich zombiehaft-gruselig aus. Ein Verständnis davon konnte entwickeln, wer die lesenswerte Kulturreportage des Architekturtheoretikers und Baumeister-Autors Stephan Trüby in der Zeit vom 1. September las. Trüby spürt darin den räumlichen Visionen der neuen Rechten nach. Und er findet ziemlich viel Absurdes. Da werden so genannte Wehrhöfe wieder instand gesetzt. Da kaufen Rechtssympathisanten marode Burgen in Ostdeutschland, um einem diffusen Ritterbild zu entsprechen. Da gründen sich um Biobauernhöfe herum vermeintlich harmlose Dorfcommunities, deren völkisch erregte Bewohner einer Sehnsucht nach einem reinen, vorglobalisierten, natürlich schön ausländerfreien Leben nachkommen wollen.

Interessant finde ich Letzteres, weil hier eine Insignie eines eigentlich „links“ konnotierten Lifestyles – der Biobauernhof – für die rechte Ästhetik einkassiert wird. So überraschend, wie dies erscheinen mag, ist es letztlich nicht. Die Ablehnung der Globalisierung und ihrer Folgen, die Skepsis gegenüber der bösen Marktwirtschaft, auch der latente Antiamerikanismus und die Suche nach einer moralisch höherwertigen deutschen (oder auch antiwestlich-europäischen) Kultur teilen die neuen Rechten mit manch linkem Romantiker.

Und es ist auch interessant – ebenso wie natürlich hochbedenklich – dass sich der räumliche Niederschlag dieser kruden Ideenwelt regional durchaus konzentriert. Es scheint, als würden sich die architektonischen Dunkelvisionäre vorzugsmäßig im Osten Deutschlands austoben. Dort gibt es genügend Baumaterial für die kruden völkischen Rollenspiele, zum Beispiel Burgen, die noch nicht touristisch überformt sind. Zum anderen aber haben sich hier auch die baulichen Ausdrucksformen der westlich-marktwirtschaftlichen Demokratie nicht über 70 Jahre ausgebreitet, sondern allenfalls über die letzten 25. Und – noch ein Vorteil – speziell Mecklenburg-Vorpommern ist groß, leer – und relativ ausländerfrei. Keine ethnische Vielfalt stört das Mittelalterspiel, das die AfD- und NPD-Sympathisanten, die Trüby aufgespürt hat, dort veranstalten.

Dass das Ganze Beobachtern wie Trüby und mir eher lächerlich erscheint, macht es nicht weniger problematisch. Denn der Mummenschanz ist offenbar sozial anschlussfähig. Viele Menschen in ganz Deutschland sehnen sich nach einer solch einfachen, homogenen, weniger „dekadent verwestlichten“ Welt. Und sie versuchen, sie zu leben – und sei es nur temporär. Nicht umsonst gibt es in Deutschland immer mehr Ritterfeste und Mittelaltermärkte. Die Verkleidungsindustrie boomt.

Zugleich sprechen wir von einer „identitären Bewegung“. Das Thema der nationalen Identität kocht wieder so richtig hoch, wie auch Mark Siemons gerade in der FAZ diskutierte. Eine panische Suche nach räumlichen Gegenmodellen zur westlich orientierten Demokratie ist ausgebrochen. Nur noch eine Frage der Zeit, bis erste Architekten ihr architektonisch Ausdruck zu verleihen suchen – auch jenseits der retro-germanischen Ting-Ästhetik in MeckPomm. Eine ulkige, aber keine schöne Vorstellung.

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