26.05.2015

Öffentlich

Juvenile Spiel-Hölle

von Alexander Gutzmer

Einer der ganz frühen und zugleich klarsichtigsten Texte über die kapitalistischen Lockungswelten ist Jean Baudrillards „Konsumgesellschaft“. Die fasziniert-erschreckten Schilderungen, mit denen Baudrillard sein Erlebnis eines offenbar recht großen Supermarktes fasst, lesen sich hellsichtig und stark. Diese Leseerfahrung begleitet mich bis heute, vor allem dann, wenn ich einem neuen Erzeugnis der weiterhin dominanten Konsumgesellschaft begegne. Am vergangenen Wochenende war es mal wieder so weit. Mit einem Freund und zwei Vergnügung erwartenden Kids betrat ich einen so genannten „Indoor-Spielplatz“. „Jux und Tollerei“ nennt sich das Etablissement, scheinbar harmlos. Oder auch wieder nicht. Denn eigentlich verrät der Name ja alles. Da geht es wirklich toll zu, im Sinne von „Tollhaus-mäßig”. Ein hocheffizienter und zugleich leicht irrer räumlicher Spaßparcours.

Das erste Missverständnis, das sich nach spätestens 30 Sekunden aufklärt: Es handelt sich nicht um einen „Spielplatz“. Sondern eher um eine Spiel-Landschaft – die man, wenn man böse ist, auch als Spiel-Hölle bezeichnen könnte. Wir stehen in einer umgewidmeten Lagerhalle, bis zum Rand vollgepackt mit dem Neuesten, was die juvenile Entertainment-Kultur zu bieten hat. Riesige Klätterwälder, Angst einflößende Megarutschen, von innen zu begehende Monsterkopf-Nachbildungen. Und, bei Regenwetter, gefühlt tausende Kinder. Alle erfüllt von einer kollektiven Spaßekstase – oder der Erwartung genau dieser.

Auch bedingt durch das hohe Maß an Antizipation, funktioniert das Ganze im Großen und Ganzen. Die Kids dort haben tatsächlich hörbar „Spaß“. Die Lautstärke entspricht einer Straßenkreuzung in Neu-Delhi. Nur dass hier mehr geschrien wird. Dabei ist der Spaß immer etwas fragil. Die Schwelle zwischen Freude und Drama ist niedrig. Auch da die Location die permanente Glückshormonausschüttung verspricht. Da stellt sich schnell Desillusion und damit Frustration ein.

Zwangsläufig beeindruckt ist man von der ungeheuren Dichte der Angebote. Klar, freier Raum ist rar. Wenn also Kinder an einem Regentag über mehrere Stunden auf diesem letztlich doch recht begrenzten Raum bespaßt werden müssen, braucht es einen hohen Entertainment-pro-Quadratmeter-Faktor. So fällt man quasi von einem in das andere gestaltete Spaßprogramm. Disneywelt in Miniatur.

Und dann die Luft. Man gewinnt den Eindruck, als produzierte die Halle ihr eigenes Klima. Das kennt man von anderen künstlichen Vergnügungswelten wie dem „Aqua Mundo“ in der niedersächsischen Heide. In meinem bayrischen Spielpark kommt freilich neben der systemischen Temperierung noch eine weitere, eher natürliche Klimabeeinflussung hinzu – nämlich die durch hunderte hochtourig umherrasende Kids. Da wird es eben schnell sehr warm, und auch luftfeucht. Fenster gibt es keine. Wie in den Casinos von Las Vegas oder in großen Shopping Malls, soll kein Gedanke an ein etwaiges Draußen verschwendet werden.

Und dann, um nochmal Baudrillard zu bemühen, das schiere Ausmaß an Simulation. Schon ein herkömmlicher Spielplatz simuliert ja, ein Naturerlebnis nämlich. An Orten wie dem „Jux und Tollerei“ dreht sich die Simulationsschraube noch einmal weiter. Hier wird die Simulation selbst, nämlich der Spielplatz simuliert. Und wie jede Simulation, muss auch diese das simulierte Vorbild überzeichnen. Das heißt: Die Rutschen sind höher, die Kraxelerlebnisse auch. Und die Fahrgerätschaften sind, verglichen auch mit dem traditionellen Auto-Scooter, schneller.

Hinzu kommt, für „die Erwachsenen“, die Vortäuschung bajuwarischer Biergartenkultur. Ein quadratisch angelegter Mini-Biergarten mit vier einzeln buchbaren Inseln lockt mit der Idee eines gemütlichen Hellen. Nur die anderswo im Bierpreis inbegriffenen drallen Servicekräfte fehlen. Stattdessen schaffen wie Security-Angestellte uniformierte Studenten im Akkord Überbleibsel von Kindergeburtstagen beiseite.

Mit den Angestellten entwickelt man als Besucher sofort ein starkes Mitleid. Denn wenn tausende Vergnügung suchender Städter in ein solches Fun-Paradies einfallen, dann herrscht eine hohe Erwartungshaltung – beziehungsweise auch ein beträchtlicher elterlicher Performancedruck: Es gibt keinen Ausweg, man wird hier die nächsten Stunden verbringen. Also muss alles funktionieren. Andernfalls droht die Eskalation durch ungehaltene Kinder. Und die will hier wirklich keiner. Entsprechend barsch gehen die erwachsenen Besucher mit dem Servicepersonal um. Die geben den Druck untereinander weiter. So schaukelt sich die Atmosphäre sukzessive auf.

Eine Entladung der Spannung ist nicht vorgesehen. Temporäre Entlastung ermöglichen nur die Basalbedürfnisse der Kleinen: Toilette oder Nahrungsaufnahme. Letztere ist qua kindgerechter Speisekarte auf die magischen P des kindlichen Ernährungsgrauens beschränkt: Pizza, Pommes, Pasta.

Wahre Entspannung bietet aber erst das Verlassen der Halle. Die Stille des Vorortes, an dem man sich dann plötzlich wieder befindet, verstört dann. Aber sie entlastet natürlich auch. Zumindest bis zum nächsten Regenwochenende.

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