Jan Gehl

Der Besuch einer neuen Stadt beginnt für Jan Gehl mit einem ausgiebigen Spaziergang. Der dänische Städteplaner legt großen Wert darauf, Stadtlandschaften auf die von ihm propagierte Weise zu erkunden: als Fußgänger oder Radfahrer. Nur so ist aus seiner Sicht der „menschliche Maßstab“ der Quartiere zu erfassen. Davon hält ihn auch sein fortgeschrittenes Alter nicht ab, immerhin ist er 78. Und so begann auch sein München-Aufenthalt vor zwei Tagen zu Fuß. Abends war Gehl dann zu Gast im Münchner Salon Luitpold (in Kooperation mit den Zeitschriften Baumeister und Topos), um über seinen Weg der Planung lebenswerter Städte zu sprechen.

Den Marsch durch die Stadt absolvierte Gehl auf Einladung von Studenten des Lehrstuhls für Landschaftsarchitektur und öffentlichen Raum der TU München – entlang einer von den Studenten vorbereiteten Route. Ausgehend vom Kreativquartier an der Dachauer Straße ging es über das Kunstareal rund um die Pinakotheken bis in die Innenstadt. Über die Gestaltung des Max-Joseph-Platzes vor der Oper ist kürzlich eine Diskussion entbrannt, am Wittelsbacher Platz baut Siemens seine Konzernzentrale um, inklusive eines „öffentlich nutzbaren“ Erdgeschosses, wie es heißt. Während er mit einer Gruppe von Studenten, der Professorin Regine Keller, Vertretern der Stadt München, der Stiftung Federkiel und des Kunstareals promenierte, begutachtete er Qualitäten, die für ihn „lebenswerte“ Städte ausmachen.

Seine Botschaft ist klar und einfach: Der Mensch soll Ausgangspunkt sein für die Planung lebenswerter Städte, die nachhaltig angelegt und ein gesunder Lebensraum sind. Das Gegenteil von „birdshit architecture“, die seiner Meinung nach entsteht, wenn Architekten rein aus der Vogelperspektive planen. Was heute in der Fachwelt Konsens ist, nämlich neue Wege zu gehen, indem die autogerechte Stadt zugunsten einer besseren Qualität und Nutzbarkeit des öffentlichen Raums für die Menschen umgebaut wird, dafür kämpft Jan Gehl seit über 40 Jahren. Daher passte es gut, dass der Ausgangspunkt der Exkursion im Kreativquartier lag. Vor drei Jahren wurde dort für Münchner Verhältnisse Neuland beschritten, indem ein Wettbewerbskonzept den Zuschlag erhielt (Teleinternetcafé mit TH treibhaus landschaftsarchitektur), das in vier Teilquartieren eine schrittweise Entwicklung des Areals in unterschiedlichen Geschwindigkeiten vorsieht. Seit vielen Jahren dort angesiedelte Künstler und andere Kreative sollen nicht von Immobilieninvestoren vertrieben, sondern einbezogen und als Nukleus des künftigen Quartiers erhalten werden. Die Menschen als Basis der Planung, das deckt sich mit Jan Gehls Philosophie. Als ihm Urs Kumberger vom Büro Teleinternetcafé das Konzept erläutert, erkundigt sich Gehl nach Anschlüssen an öffentliche Verkehrsmittel, wie viele Autos auf dem Areal Platz finden sollen und wie das Quartier mit den benachbarten verbunden wird.

Warum das für ihn so wichtig ist, erläuterte Gehl am Abend im Salon Luitpold vor etwa 130 Zuhörern im prall gefüllten Salon Luitpold. Dort präsentierte er anhand seines Paradebeispiels Kopenhagen, der Fahrradhauptstadt Europas, welche Vorzüge die Rückbesinnung auf Stadtplanung aus menschlicher Perspektive den Menschen bietet. Da belastbare Statistiken der Stadtplanung hauptsächlich für den Autoverkehr vorlagen, aber so gut wie keine Zahlen zu Fußgängern und Radfahrern erhoben wurden, machte er sich selber daran. Mit diesen Zahlen gab Gehl den Politikern Argumente, um Entscheidungen zu fällen, die damals unpopulär waren – und auch heute noch sind. Räume und Wege für Fußgänger und Radfahrer zu schaffen, und im Gegenzug Fahrspuren für motorisierten Verkehr sowie Stellplätze zu reduzieren. „Die Dänen konnten nicht wegen des raueren Klimas nicht abends draußen in Straßencafés sitzen wie die Italiener, sondern weil sie nicht den Raum für Straßencafés hatten“, sagt er.

Der Erfolg gibt ihm recht – in Kopenhagen und auch in anderen Städten wie Melbourne, Christchurch, New York und Moskau, für die er Konzepte zur Umgestaltung des öffentlichen Raums gemacht hat. Auch in Hinblick auf die Auswirkungen des Klimawandels sei es der bessere Weg, auf Spazieren und Radfahren zu setzen, als auf Elektroautos, die die Lösung der Probleme nur hinauszögerten.

Trotz des Erfolgs seiner Ansätze: Die Verlagerung des motorisierten Verkehrs ist nicht in allen Städten so gut umsetzbar wie in Kopenhagen. Die Voraussetzungen, die Rahmenbedingungen, die Mentalitäten sind unterschiedlich. Jan Gehl sagt, es gehe weniger um unterschiedliche Mentalitäten als um unser aller gemeinsamen Nenner: Wir alle sind Homo sapiens, und der hat bestimmte Ansprüche und bewegt sich immer noch auf zwei Beinen. Der Einwand von Moderator Alexander Gutzmer, Chefredakteur des Baumeister, ob nicht der Reiz lebenswerter Städte gerade auch durch das Ungeplante und das Schmutzige entstehe, wie in Los Angeles, New York oder vielen asiatischen Metropolen, zeigte: Planung für Menschen wird nie auf eine einfache Formel zu beschränken sein. Eben weil wir alle Homo sapiens sind.