Demonstrative Kräfteverteilung

Das chilenische Architekturbüro Izquierdo Lehmann bekam von einem Investor den Auftrag, ein Bürohaus in Santiagos Businessviertel Las Condes zu planen. Aus den Anforderungen eines profitablen Baus und dem eigenen Anspruch, der Stadt einen hochwertigen öffentlichen Raum anzubieten, entstand ein trichterförmiges Hochhaus – dessen äußere Struktur den häufigen Erdbeben trotzt.

Das Bürogebäude „Cruz del Sur“ hat schon zwei Erdbeben hinter sich: das von 2010 und das Mitte September letzten Jahres. Kein Problem, denn die chilenischen Neubauten werden nach den strengsten Richtlinien der Welt realisiert. Was zum Fallen verurteilt war, ist in der endlosen Reihe an Erdbeben, die das Land in seiner Historie zu verzeichnen hat, bereits gefallen. Oder anders gesagt, jetzt stürzen nur noch Gebäude ein, bei denen die Bauvorschriften nicht eingehalten wurden.

In den Entwürfen der chilenischen Architekten spielen Erdbeben immer eine entscheidende Rolle – das macht sich auch an einer engen Zusammenarbeit mit den Bauingenieuren bemerkbar. Und daran, dass die Konstruktionen in Chile in europäischen Augen manchmal etwas überdimensioniert wirken. Denn die chilenische Norm setzt nicht auf besonders flexible Strukturen, die beim Beben mitschwingen, sondern auf massive, starre Bauten, die den Bewegungen trotzen. Die Methode funktioniert, wie unter anderem das Cruz del Sur beweist.

Weg zur Trichterform

Neben den seismischen Gegebenheiten spielte bei diesem Bau auch die städtebauliche Situation eine große Rolle: Das Hochhaus steht an einer markanten Straßenkreuzung vom Umgehungsring der Stadt (Avenida Vespucio) mit der Hauptachse Santiagos (Avenida Apoquindo). Der trichterförmige Bau ist in der Straßenflucht schon von Weitem sichtbar, umgeben von Gebäuden unterschiedlichster Höhen und Qualitäten. An dieser zentralen Stelle gab es bisher keinen ausreichenden Raum für Fußgänger – und das, obwohl sich hier die meistfrequentierte Metro-Station „Escuela Militar“ befindet. Dazu muss man wissen, dass die U-Bahn in Santiago schon an weniger frequentierten Stellen so voll ist, dass man zu Stoßzeiten vom Bahn-Personal in die Züge hineingeschoben wird.

Ein bisschen Bewegungsraum, zumindest an der Oberfläche, war an der Stelle also dringend nötig. Somit entstand die Idee von Izquierdo Lehmann, ein Büro das seit den 1980ern existiert, das Gebäude vom Boden zu lösen, um Raum für Fußgänger zu schaffen. Da es sich bei dem Bürogebäude um ein Investorenprojekt handelt, mussten die Architekten ihren Bauherrn zunächst von ihrem Entwurf überzeugen – immerhin sollten die Räume verkauft werden und so viel Fläche wie möglich entstehen. Aus dieser „Not“ heraus entstand die Trichterform: Je weiter oben, desto teurer die Räume, das stellte den Investor zufrieden. Am Ende war das Gebäude so gewinnbringend, dass die Architekten derzeit an einem Folgeauftrag arbeiten.

Die Tragstruktur fungiert gleichzeitig als Gestaltungselement: Die Betonstreben geben den Rhythmus in der Fassade vor. Vom vierten bis 21. Obergeschoss entwickelt sich ihr Querschnitt von 90 bis zu schlanken zwölf Zentimetern. Cristián Izquierdo nennt das „eine Demonstration der Kräfteverteilung“.

Alle Fotos unserer Online-Strecke stammen von Roland Halbe – er ist regelmäßig in Chile unterwegs, um neu fertiggestellte Gebäude zu fotografieren.

Mehr dazu finden Sie im aktuellen Baumeister 2/2016