BDA-Präsidentin Susanne Wartzeck antwortet auf Ihre Fragen

Über die Folgen der Corona-Pandemie führte der Bund Deutscher Architekten im März eine großangelegte Mitgliederbefragung durch. Zu den Ergebnissen und wie der BDA in der Krise vorgeht, dazu veröffentlichte der Bundesverband vergangene Woche ein Interview mit BDA-Präsidentin Susanne Wartzeck. Wir haben BAUMEISTER-Leserinnen und -Leser gebeten, uns ihre Fragen zum Interview zu schicken und diese an den BDA adressiert. Hier lesen Sie Susanne Wartzecks‘ Antworten auf Ihre Fragen.

BDA-Präsidium, Susanne Wartzeck, Präsidentin
Susanne Wartzeck, Präsidentin des BDA, stellt sich den Fragen der BAUMEISTER-Leserinnen und -Leser. (Foto: Klaus Hartmann)

Susanne Wartzeck, warum meldet sich der BDA erst jetzt zu Wort? Andere Verbände haben nicht in Schockstarre verharrt, sondern wurden sehr viel früher aktiv.

Gerade in solchen Zeiten kam es uns darauf an, besonnen und unter dem Leitbild der Qualität zu reagieren. Daher habe ich mich in der Öffentlichkeit erst geäußert, als wir unsere Mitgliederbefragung ausgewertet hatten.

„Lösungen für ausländische Fachkräfte auszuarbeiten, liegt an den Ministerien.“

Laut der BDA-Mitgliederbefragung befürchten über zwei Drittel der Befragten, dass es in verschiedenen Bereichen zu Verzögerungen kommt. Dieser zeitliche Verzug führt zu Verlängerungen in den Projektabläufen. Viele Architekturbüros rechnen deshalb mit zeitlich verschobenen finanziellen Schwierigkeiten. Susanne Wartzeck, Sie sprechen in Ihrem Interview vom 27. April vom sogenannten „Nachhalleffekt“ – der Schere zwischen Leistungserbringung und deren Honorierung. Was denken Sie, wann fällt der „Hammer“? Und wie kann man sich darauf vorbereiten? Was raten Sie Büros?

Das „dicke Ende“ kommt noch – vielleicht mit einer Verzögerung von einem halben Jahr. Unmittelbar und existenziell spürbar zeigt die Corona-Krise aber auch, dass unsere Art zu leben und zu wirtschaften viel stärker in Einklang mit der Natur zu bringen ist. Der BDA setzt sich politisch dafür ein, dass bei den jetzt aufgelegten Konjunkturprogrammen der Klimaschutz eine gewichtige Rolle spielt. Diese müssen Innovationsenergien und Kreativität freisetzen und nicht überholte Strukturen festigen. Diese umzusetzen, ist unsere Aufgabe als Architektinnen und Architekten.
Für eine ökologische Transformation müssen wir anders bauen, und wir können es. Das ist eine Zukunftsaufgabe, der sich die Büros für ihre eigene Zukunft stellen müssen.

Sie erwähnen ebenso mögliche Regelungen, die es Facharbeitern aus dem Ausland ermöglicht, einzureisen – Stichwort Erntehelfer. Wann können wir mit solchen Lösungen rechnen? Und wie könnten diese aussehen?

Wir haben, zusammen mit den Kammern und dem Bundesverband der Freien Berufe, das Thema gegenüber dem Bundeswirtschaftsministerium angestoßen. Wesentlich ist dabei auch der soziale Aspekt gegenüber den ausländischen Arbeitskräften, auf die wir hier ja schon seit Jahren angewiesen sind. Ich bin sicher, dass es dafür geeignete Lösungen geben wird. Diese konkret auszuarbeiten obliegt jedoch nicht den Verbänden, sondern den zuständigen Ministerien.

„Jeder hat sein Päckchen zu tragen.“

Was passiert, wenn Gewerke aufgrund von Corona-Infizierten nicht mehr arbeiten/liefern? Welche Rechtsgrundlage greift hier und wie gültig sind vorhandene Verträge in Zeiten einer Pandemie?

Hier greift sicher der Rechtsbegriff der „höheren Gewalt“, der ja auch in den üblichen Vertragswerken geregelt ist und dessen Vorliegen nachgewiesen werden muss. Demnach sind beide Vertragsseiten gehalten, alternative Möglichkeiten zur Ausführung des Gewerks oder Erfüllung des Auftrags zu suchen, was natürlich unter dem gegebenen Material- und Facharbeitermangel schwierig werden dürfte.

Wird es einen Leitfaden geben, der künftig Corona-Fragen von Arbeitgebern wie Arbeitnehmern beantwortet?
Seit Beginn der Krise veröffentlicht der BDA auf seiner Website eine nahezu täglich aktualisierte Linkliste mit Handreichungen und Information vieler offizieller Stellen wie der Bundesregierung, der Kreditanstalt für Wiederaufbau, der Bundesagentur für Arbeit oder von BDA-Vertrauensanwälten.

Das Ziel der Befragung ist es, die Bundespolitik auf den Nachhalleffekt der Baubranche aufmerksam zu machen und darauf hinzuweisen, dass eventuelle Hilfen „verspätet“ nötig sind. Wie sieht die bisherige Resonanz seitens der Politik auf die Ergebnisse der Umfrage aus?

Vorab: In der Krise hat jeder sein Päckchen zu tragen, und wir erwarten daher keine staatliche Kompletthaftung für unsere ökonomischen Risiken. Wir haben aber den Eindruck, dass das Anliegen wahrgenommen wurde, und werden es mit Vehemenz weiter vortragen, sobald sich die Auswirkungen klarer ablesen lassen.

„Wir brauchen mehr Substanz.“

Wie steht es um künftige Verfahren? Ist ein geordnetes Weiterbetreiben des Vergabe- und Wettbewerbswesens gewährleistet?

Von der Immobilienwirtschaft, vor allem aber von öffentlichen Auftraggebern erwarten wir eine Fortführung des Vergabe- und Wettbewerbswesens und überhaupt eine Weiterverfolgung bestehender Bau- und Investitionsplanungen, statt auf die Bremse zu treten. Dies wäre der nächstliegende Baustein einer Förderung bzw. Unterstützung der Bauwirtschaft.

Ein Blick in die Zukunft: Wird die Pandemie unsere Branchen nachhaltig verändern? Und wenn ja, wie?

Wir brauchen künftig mehr Substanz – in allem, was wir machen. Architektinnen und Architekten, Stadtplanerinnen und Stadtplaner müssen mehr tun, um der ökologischen Verantwortung unserer Profession gerecht zu werden. Mit dem BDA-Positionspapier „Das Haus der Erde“ haben wir eine ganzheitliche Sicht für eine klimagerechte Architektur formuliert. Diese muss stärker zur Maxime unseres Arbeitens werden.

Substanz brauchen wir auch für in den berufspolitischen Rahmenbedingungen. Beispielsweise. eine Digitalisierung, die nicht vor den Planungsämtern Halt macht, sondern Abläufe effizienter gestaltet. Und insbesondere Mut und Entschlossenheit der Politik und der Auftraggeber, die ökologische Wende im Bauen voranzubringen.